Gastbeitrag von Yves Simon
„Total uninspirierend“, „langweilig“ – „komplett ohne Ecken und Kanten“. In meinen Radioseminaren an Universitäten, Hochschulen oder bei Ausbildungssendern spiele ich zu Beginn mehrere Nachrichtensendungen vor. Beim letzten Mal war auch eine KI-generierte Ausgabe dabei. Das Feedback ist entsprechend vernichtend ausgefallen. Dabei hatte ich mir extra Mühe gegeben: sehr lokale und zielgruppenspezifische Themen eingebaut und dazu die von ChatGPT gelieferten Meldungen noch einmal „schön“ umgeschrieben. Das Fazit blieb trotzdem eindeutig: „Da würde ich sofort wegschalten“, sagt eine Studentin. Erst danach löse ich auf: Die Sendung war KI-generiert.

Nachrichtenautomatisierung – dieser Begriff geistert immer häufiger durch Redaktionen und taucht auch in Fachmedien auf. Programmverantwortliche und Gesellschafter setzen große (Spar-)Hoffnungen auf KI-generierte Inhalte, vor allem beim Ausspielen über Radio-Apps. Schließlich lassen sich so sehr nutzeroptimierte Nachrichtenausgaben erstellen. Manche Sender haben dafür schon eine eigene Taskforce eingerichtet.
Glaubwürdigkeit, Nähe und Vertrauen sind wichtig
Aber ist das die Zukunft des Nachrichtenjournalismus? Klar ist: Wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung, deren Verlauf wir nur erahnen können. Die Ergebnisse werden sicher immer besser werden. Trotzdem habe ich Zweifel – besonders wenn ich meinen Studierenden und anderen klugen Köpfen zuhöre. Personalisierte, automatisch generierte News haben Vorteile und werden uns häufiger begegnen. Das ist klar.
Es gibt aber noch ein zweites Szenario. Im Nachrichtenjournalismus zählen schließlich auch Glaubwürdigkeit, Nähe und Vertrauen. Das Problem bei KI-generierten News: Jeder kann sie in Sekunden erstellen – komplett alleine und ohne Redaktion. Global Player wie Spotify ebenso wie Podcaster, Influencer oder Anbieter, die bisher nicht mit Audioangeboten auffallen. Wenn auch Radiosender ihre Nachrichten im Hauptprogramm automatisieren, könnte das der Anfang ihres Endes sein.
Die Stärke regionaler Sender ist ihre Live-Präsenz vor Ort
Die Stärke regionaler Sender ist ihre Live-Präsenz vor Ort. Sie erklärt, warum sie normalerweise mehr Hörer haben als bundesweite Angebote. Reporternetz, Lokalkompetenz und Persönlichkeiten am Mikrofon sind ihr Unterscheidungsmerkmal. Regionalprogramme können Hörer „an die Hand nehmen“ und auch komplizierte Nachrichten erklären. Genau solche Persönlichkeiten braucht es nicht nur in der Moderation, sondern auch in den Nachrichten. Hörer schätzen das. Denn Radio ist nicht nur Musik, sondern vor allem alles dazwischen. Da schließe ich mich der Meinung von Dr. Jörn Krieger gerne an. Wer nur Musik hören will, nutzt Streamingdienste. Wer nur Wort hören will, entscheidet sich für einen Podcast.
Gerade deshalb müssen sich Nachrichten weiterentwickeln. Nationale Themen sollten noch häufiger auf die Region heruntergebrochen werden – etwa mit Live-Schalten. Der Newsanchor darf sich gerne mit dem Moderator austauschen, über Netz- oder Servicethemen sprechen, Lösungsansätze oder Beispiele aus der Lebenswelt der Hörer aufgreifen. Kann das auch KI glaubwürdig leisten? Ich glaube nicht.
„Klingt, als würde mir eine Freundin etwas erzählen“
Beim letzten Seminar sind die KI-News jedenfalls durchgefallen. Besonders gut sind dagegen übrigens Christoph Wöß von Bayern 1 und meine Kollegin Juliette Marischka von Antenne Bayern angekommen. „Klingt, als würde mir eine Freundin etwas erzählen“, meint eine Studentin. Eine andere sagt über den Bayern-1-Kollegen: „Seine Ruhe ist richtig klasse.“
Yves Simon ist professioneller Sprecher, Trainer und Coach im Radiobereich.
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Im nächsten Diskussionsbeitrag zum Radio der Zukunft schreibt Markus Kaiser, wie Künstliche Intelligenz im Audio-Bereich eingesetzt werden kann.
Ein Kommentar zu “Gastbeitrag zum Radio der Zukunft: Nahbar, vor Ort und live – das sind die Radionachrichten der Zukunft”