Was ist das Clubhouse eigentlich?

Seit wenigen Tagen ist die neue Social-Media-App Clubhouse auch in Deutschland angekommen und hat einen regelrechten Hype ausgelöst. Aber was ist diese neue App eigentlich, die so ganz anders daherkommt als Facebook, Instagram oder Twitter?

„Clubhouse ist doch wie die re:publica!“ – mit Doro Bär auf dem Podium

Clubhouse ist ein wenig von allem – aber vor allen Dingen etwas ganz Neues. Es ist keine klassische Social-Media-App. Hier steht das Synchrone, der Live-Talk im Mittelpunkt. „Clubhouse ist doch wie die re:publica!“, hat deshalb eine Freundin als erste Assoziation gesagt. Tatsächlich ist Clubhouse eine Event-App: Mal gibt es Talks mit prominenten Personen (heute war auch Doro Bär gleich mit dabei) wie auf der Mainstage der re:publica in Berlin. Dann auch wieder nischigere Businessthemen wie „Authentizität im Influencer Marketing“, „FinTech Stammtisch Berlin“ oder „So sammelst du als Start-up erfolgreich Geld ein“. Hinzu kommt die Möglichkeit, wie bei der re:publica auch zwischen zwei Events hin- und herzuspringen – und dazwischen sich mal in einer kleinen Gruppe oder 1:1 zu treffen und auszutauschen. Einziger Unterschied: Jeder darf seine Themen als Event anlegen; es gibt keine Kommission, die ein Programm kuratiert.

Screenshot aus dem Clubhouse mit Staatsministerin Doro Bär
Wer diskutiert im Clubhouse natürlich sofort mit? Staatsministerin Doro Bär probierte das neue soziale Netzwerk gleich selbst aus.

„Clubhouse ist wie ein Radio, in dem alle mitreden können“

Einer der Ersten, mit dem ich heute im Gespräch war, hat gesagt: „Ich habe ja zunächst einen Chat vermisst. Aber dann dachte ich mir: Den braucht es gar nicht.“ Clubhouse folgt dem Podcast-Boom und setzt komplett auf Audio. In den Diskussionen kann sich jeder zu Wort melden, muss aber vom Moderator aufgerufen werden. Deshalb sagte eine Freundin: „Clubhoue ist wie ein Radio, in dem alle mitreden können.“ Wie „Mensch, Otto“ mit Moderator Thorsten Otto auf Bayern1 könnte man sagen. Nur dass es eben nicht nur einen Gast gibt, sondern jeder kann etwas beitragen, wenn er zu dem Thema etwas zu sagen hat. Oder man kann eben einfach nur zuhören.

„Clubhouse löst ja sogar Tinder ab“

Auf den ersten Blick bin ich vor allem auf Business-Themen gestoßen, die (wie oben beschrieben) auch auf der re:publica genauso im Programm stehen könnten. Clubhouse ist aber weit mehr: Freizeit, Sport, Work-Life-Balance, guter Wein oder die „First Clubhouse Stand up Comedy Show“ gehören genauso dazu. „Clubhouse löst ja sogar Tinder ab“, findet eine Freundin, die einen Flirt-Channel entdeckt hat.

Und was ist Clubhouse noch alles?

Clubhouse ist natürlich auch ein soziales Netzwerk. Ich habe fast alle Freunde aus Facebook, Twitter und LinkedIn gleich wieder getroffen. Mit denjenigen, die ich in Talks neu kennengelernt habe, habe ich allerdings mich meist verabredet, dass wir uns auf LinkedIn & Co. auch noch vernetzen, um in Kontakt zu bleiben. „Hier ist es noch zu unübersichtlich“, hat eine neue Bekannte in einem Event beispielsweise gesagt.

Das Clubhouse ist auch eine Art Live-Podcast. Brandaktuell kann man auf Themen eingehen. „Was mit Medien“ von Daniel Fiene habe ich auch sofort entdeckt.

Was ist das Clubhouse aber nicht?

Bis auf das eigene Profilbild lädt man keine Fotos hoch. Es ist also so ziemlich das Gegenteil von Instagram. „Puh, ich dachte schon, jetzt geht gleich die Cam an“, hat ein Newby im Clubhouse gesagt, um zu ergänzen: „Ich fand das mal richtig wohltuend, dass es nicht – wie diese ganzen beruflichen Dinge – mit Kamera funktioniert.“ Eine weitere Teilnehmerin stimmte zu: „Ich bin gerade spazieren und kann es nutzen. Ich finde es auch super, dass es ohne Cam geht.“

Clubhouse – wie ein neues soziales Netzwerk an einem Wochenende durchstartet

Als ich gestern die Einladung von einer Freundin via iMessage erhalte habe („Hey Markus, I have an invite to Clubhouse“), habe ich ihr noch zurückgeschrieben: „Ich glaube, Dein Konto wurde gehackt. Ich habe einen Spam von Dir bekommen.“ Denn unter der Einladung war auch noch ein Bild, das auf den ersten Blick auch auf eine Single-Börse verweisen hätte können. Keine 24 Stunden später habe ich selber schon das erste Event eingestellt, bei den Machern nach einem „Club“ angefragt und mit so vielen Menschen kommuniziert wie in den vergangenen Wochen und Monaten über Facebook, Instagram und Twitter zusammen nicht mehr.

Screenshot der Clubhouse-App
Die neue Social-Media-App Clubhouse erobert an einem einzigen Wochenende Deutschland – und begeistert durch seine innovative Frische.

Clubhouse hat an nur einem Wochenende die Social-Media-Landschaft in Deutschland auf den Kopf gestellt. Es ist ein soziales Netzwerk, das zum einen Livekommunikation, zum anderen Audio in den Mittelpunkt stellt. Man kann ganz schnell einen Club gründen und mit Freunden sich austauschen, aber auch mit Fremden zu Themen, zu denen man sich verabredet. Ich weiß nicht, wie lange mich diese App faszinieren wird. Sie hat aber irgendetwas Frisches, Innovatives, auf das man beim Facebook-Konzern bisher vergebens warten musste.

Erstaunlich, wie schnell man auch im Clubhouse wieder seine ganz alten Bekannten findet. Die Social-Media-Karawane hat sich nicht neu formiert. Sie ist einfach weitergezogen. So schnell habe ich gar nicht geschaut, war ich schon mit einer Freundin im Audio-Talk. Es hat keine fünf Minuten gedauert, da kam noch ein weiteres bekanntes Gesicht dazu und wir haben uns zu Dritt weiterunterhalten.

Clubhouse funktioniert bislang nur auf dem iPhone. Wohl auch deshalb kam die Einladung via iMessage. Und man braucht eine Einladung, was für eine gewisse Exklusivität sorgt. Meine zwei Einladungen, die ich wiederum aussprechen durfte, habe ich schon verschickt. Ich bin mal gespannt, wen ich dann gleich zu unserem ersten Event im Clubhouse treffe…

Der MedienCampus Bayern – neu positioniert als „Netzwerk der bayerischen Medienstudiengänge“

Genau zehn Jahre ist es her, dass ich am 1. Juli 2010 mitten während des Filmfests München als Geschäftsführer des MedienCampus Bayern begonnen hatte. Innerhalb von sechs Jahren konnten wir den Dachverband für Medienaus- und -fortbildung gemeinsam mit dem neu gegründeten MedienNetzwerk Bayern zur Medienstandortagentur für den Freistaat Bayern weiteraus- bzw. aufbauen. Seit April 2016 bin ich Professor an der TH Nürnberg. Es freut mich sehr, dass ich als neu gewähltes Vorstandsmitglied des MedienCampus diesen Verein nun wieder weiter begleiten darf.

Der MedienCampus Bayern gibt sich künftig eine neue Positionierung. Dies hat die Vorstandsvorsitzende Prof. Renate Hermann in einem lesenswerten Interview vorgestellt. Der 1998 gegründete Verein will sich auf die Rolle als „Netzwerk der bayerischen Medienstudiengänge“ fokussieren. „Nirgendwo sonst sind alle Studiengänge aus dem Medienbereich in einem einzigen Verein gebündelt: von Journalismus, Journalistik und Kommunikationswissenschaft über Film, Animation, Design, VFX und Gamedesign bis hin zu Medieninformatik, Medienmanagement und Medientechnik“, sagt Renate Hermann.

Prof. Renate Hermann will den MedienCampus Bayern als „Netzwerk der bayerischen Medienstudiengänge“ neu positionieren.

Hintergrund ist, dass die Bayerische Staatskanzlei, die schon bei der Gründung des MedienCampus dabei war, die institutionelle Förderung eingestellt hat. Deshalb muss sich der MedienCampus auf Kernaufgaben konzentrieren. Und gerade in diesem Netzwerk der bayerischen Medienstudiengänge sieht der neu gewählte Vorstand den USP des auf rund 120 Mitglieder gewachsenen Vereins. Der Verein soll – so die Vorstandsvorsitzende Renate Hermann – mit neuem Schwung ins neue Jahr starten und seine Arbeit in jedem Fall fortsetzen. „Diesen Schatz wollen wir bewahren und die daraus resultierenden Möglichkeiten noch stärker ausspielen“, betont die hauptberuflich an der Hochschule Ansbach tätige Medien-Professorin.

Projekte für das Jahr 2021

Auch wenn es künftig keine Geschäftsstelle und Geschäftsführung beim MedienCampus mehr gibt, sind erste Projekte fürs Jahr 2021 bereits in Planung: Organisiert von der TH Nürnberg gibt es im Sommersemester 2021 eine Ringvorlesung Medien- & Digitalethik. Die Uni Bamberg plant eines Jahrestagung der bayerischen Medien-Professoren mit dem Themenschwerpunkt Medienstudiengänge während Covid19, die Hochschule Augsburg die Wiederaufnahme des „GamesCampus“ als Jahrestagung der bayerischen Games-Professoren, und die Hochschule Ansbach will eine Summer School für Studierende aller bayerischen Hochschulen und Universitäten ausrichten, um neue Konzepte für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu entwerfen.

Wie in einem Sportverein gilt künftig auch verstärkter denn je: Der MedienCampus lebt von seinen (institutionellen) Mitgliedern. Es gibt keine zentralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr, die die Orga für Events übernehmen.

Als „Netzwerk der bayerischen Medienstudiengänge“ wird der MedienCampus Bayern aber in jedem Fall auch in Zukunft ein wichtiger Bestandteil des Medienstandorts Bayern bleiben.

Der digitale Bürgermeister: Social Media für Kommunalpolitiker

Gemeinsam mit der Akademie für Politische Bildung Tutzing veranstalten wir am 6. Oktober in Tutzing und am 7. Oktober in Nürnberg die Tagung „Der digitale Bürgermeister: Social Media für Kommunalpolitiker“. Die Bandbreite ist riesig, wie gut, wie schlecht oder manchmal auch überhaupt nicht soziale Netzwerke von Landrätinnen und Landräten, Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern und Kreis-, Stadt- und Gemeinderätinnen eingesetzt werden.

Häufig fehlt bei den Social-Media-Auftritten die zentralste aller Fragen: Was will man mit seinen Aktivitäten eigentlich erreichen? Ohne die Zielsetzung zu definieren, lässt sich natürlich auch keine Zielgruppe festlegen und damit auch nicht, welche Kanäle sinnvoll sind. Hier lohnt es sich, etwas Zeit zu investieren, um ein gutes Angebot für die Bürgerinnen und Bürger machen zu können – oder aber (je nach Zielsetzung) auch zur internen Kommunikation zum Beispiel via WhatsApp für eigene Parteimitglieder. Hier lohnt es sich, auch eine Persona zu erstellen. Dadurch sieht der Politiker, welche Kanäle (Facebook, Instagram, Snapchat, Twitter, Pinterest etc.) er am besten nutzen sollte und auch welche Themen und wie er diese spielt.

In jedem Fall sollte der Politiker seine Social-Media-Kanäle nicht in erster Linie dafür nutzen, um einfach nur zu dokumentieren, welche Termine er wahrgenommen hat. Ehrungs- und Handschüttel-Bilder wie in Lokalteilen von Tageszeitungen reißen keine User vom Hocker. Oft lohnt es sich auch hier, etwas mehr Zeit in die Produktion von Inhalten zu investieren, um diese zumindest in der eigenen Kreisstadt „sharable“ zu machen, also sie so gut aufzubereiten, dass sie häufig geteilt werden.

Kommunikationskonzept: eigene Darstellung von Markus Kaiser

Natürlich gibt es ein paar Trends, die man für sein Konzept zumindest kennen sollte:

  1. Die Social-Media-Kanäle differenzieren sich immer stärker aus. Natürlich muss kein Kommunalpolitiker auf TikTok sein (und sollte auch nur die Kanäle nutzen, für die er authentisch Inhalte produzieren kann). Es gilt aber stark zu überlegen, welche Netzwerke sinnvoll sind. Wenn man wenig Zeit hat, sollte man sich lieber fokussieren, als alles zu bespielen.
  2. Fotos und Videos werden immer wichtiger. Einfach nur einen Text zu posten, geht in der Vielzahl der Beiträge unter. Diese zunehmende Bedeutung zeigt sich auch darin, dass Facebook als soziales Netzwerk laut ARD/ZDF-Onlinestudie stagniert, während Instagram zulegt.
  3. Live-Streaming bietet einen direkten Weg zum Bürger. Bei der Tagung in Tutzing und in Nürnberg wird Ralph Edelhäußer, Bürgermeister der mittelfränkischen Kreisstadt Roth, zum Beispiel berichten, wie er digitale Live-Bürgersprechstunden via Facebook abhält.
  4. Die Story-Funktion (wie bei Instagram) bietet die Möglichkeit, auch ganze Geschichten multimedial zu erzählen. Dadurch können viel mehr Inhalte transportiert werden als in einem gewöhnlichen Post. In der Landespolitik nutzen dies beispielsweise Digitalministerin Judith Gerlach und die Grünen-Politikerin Katharina Schulze bereits stark. Anregungen kann man sich zum Beispiel auch bei der „News-WG“ des Bayerischen Rundfunks holen.
  5. Neben den sozialen Netzwerken sollte man als Homebase auch einen eigenen Blog und seine eigene Website als eine Art Visitenkarte nicht vernachlässigen.
  6. Es ist wichtig, dass man nicht nur seine eigenen Social-Media-Kanäle durch eigene Posts bespielt, sondern auch in den Gruppen dabei ist und bei den anderen mitdiskutiert, bei denen man selbst etwas zu sagen hat. Sonst dreht man sich nur im Kreis um seine eigene Blase.
  7. Journalisten nutzen selbst inzwischen verstärkt Social Media. Mit pfiffigen Posts schafft man es vielleicht vom eigenen Profil in die Landkreis-Zeitung oder zumindest deren Internetauftritt.
  8. Qualität ist besser als Quantität. Denn sonst können die eigenen Aktivitäten viel zu leicht verpuffen.

Wie sich Fernsehsender wandeln müssen

Guido Vogt legt einen speziellen Fokus auf lineare Fernsehsender, was die digitale Transformation betrifft. In seinem Buch „Fernsehsender beraten“ geht er sehr strukturiert und analytisch vor, wie sich RTL, ProSieben, WDR & Co. umstrukturieren müssen, statt gegen Streamingdienste wie Netflix nur zu wettern und – wie er es formuliert – „den Zuschauern einen souveränen Umgang mit der Nutzung von Video-on-Demand-Angeboten“ abzusprechen.

Das Buch bietet aber nicht nur eine gute Analyse und versucht Awaress bei Fernsehsendern zu wecken. Es kann für Innovations- und Veränderungsmanager auch eine gute Anleitung sein, wie man beim digitalen Wandel vorgehen kann. Das Werk zeigt wieder einmal deutlich auf, dass Change Management methodisch zwar erst einmal unabhängig von der Branche funktioniert, dass es aber doch für die Akzeptanz und Nuancen sehr wichtig ist, mit einer Innenansicht an die Veränderungsprojekte heranzugehen.

Das Buch geht sehr in die Tiefe und erklärt auch Methoden der Organisationsentwicklung wie Teamentwicklung, Konfliktmanagement, Coaching und Innovationsberatung. „Die Kernidee der Organisationsentwicklung entstammt der sogenannten Human Relations-Bewegung. Diese stellt den Menschen und sein Verhalten in den Mittelpunkt“, schreibt Vogt. Ein lesenswertes Buch!

Guido Vogt: Fernsehsender beraten. Organisationsentwicklung, Innovationsstrategien und Change Management, Baden-Baden 2019 (Nomos).

Unser Buch „Change Management in der Kommunikationsbranche“ ist erschienen

Unser Buch "Change Management in der Kommunikationsbranche. Veränderungsprozesse in Medienunternehmen und in der Unternehmenskommunikation" von Nicole Schwertner und Markus Kaiser ist bei SpringerVS erschienen und ab sofort im Buchhandel erhältlich.
Unser Buch „Change Management in der Kommunikationsbranche. Veränderungsprozesse in Medienunternehmen und in der Unternehmenskommunikation“ von Nicole Schwertner und Markus Kaiser ist bei SpringerVS erschienen und ab sofort im Buchhandel erhältlich. Foto: Markus Kaiser

Digital statt Großraumbüro: Das Ende des klassischen Newsrooms?

In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Medienunternehmen, aber auch Kommunikationsabteilungen von Unternehmen Newsrooms eingerichtet. Wände wurden herausgerissen, neue Organisationsstrukturen und Abläufe etabliert und immer weiter verfeinert. Und dann kam Corona. Die Redaktionen waren (bzw. sind es zum Teil noch) verwaist. Von einem Tag auf den anderen wurde remote gearbeitet.

Im Newsroom 2.0 könnten sich Journalistinnen und Journalisten digital vernetzen und aus dem Café arbeiten, statt im Großraumbüro zu bleiben. Foto: Pixabay

Was kommt jetzt? In verschiedensten Branchen ist es nicht mehr vorstellbar, dass das Rad komplett zurückgedreht wird, jeder wieder jeden Tag brav ins Büro spaziert und nine to five arbeitet. Corona kann man als Katalysator für neue Arbeitsweisen betrachten; der Virus hat New Work den Weg bereitet. New Work war aber auch ohne Corona schon länger ein großes Thema – vor allem bei den jüngeren Arbeitnehmer/innen. Sie wollten sich weder diktieren lassen, wann sie arbeiten (unter tags? nachts?), noch an welchem Ort (Café? Strand? Homeoffice? Multispace? Coworking?) noch auf welche Weise. Nur wer auf die Bedürfnisse dieser Generation eingeht, wird auch weiterhin die besten für sich werben können.

Deshalb lohnt es sich, den klassischen Newsroom neu zu denken. Wie kann ein digitaler Newsroom aussehen, bei dem die Redakteurinnen und Redakteure nicht in einem Raum sitzen? Welche (Planungs-)Tools braucht es? Welche fixen Konferenzzeiten? Welche Abläufe? Welche Rollen für Mitarbeiter/innen? Und wie stellt man den Informationsfluss sicher, ohne dass es aber auch ein zu viel an Infos gibt.

Es lohnt sich für Medienunternehmen und die Unternehmenskommunikation, diese Fragen für einen digitalen Newsroom zu stellen. Und Redaktionen und Unternehmen, die derzeit einen gigantischen neuen Newsroom vielleicht sogar bauen wollen, sollten zunächst einmal die digitale Alternative durchspielen – nicht dass sie umsonst viel Geld in den Sand setzen.

Zoom, Moodle, Teams & Co.: Learnings aus dem digitalen Semester

Anfang März schien das Sommersemester 2020 ja noch ganz normal zu starten. Ich hatte alle Seminarpläne vorbereitet, meine PowerPoint-Folien weitgehend fertig, die Sitzungen konzipiert. Und dann kam Corona. An den Universitäten und Hochschulen wurde auf digitale Lehre umgestellt, was mal holprig (technische Ausstattung und anfangs die Kapazitäten zum Beispiel für Adobe Connect), mal super funktionierte. Ein paar Sachen habe ich aus diesem besonderen Semester mitgenommen:

1. Zoome nie länger als 90 Minuten

Digitale Seminare sind anstrengender als Präsenzlehre. Sie ermüden schneller. Ein didaktischer Wechsel ist wichtig. Zwar kann man zum Beispiel bei Zoom auch Break-out-Sessions für Gruppenarbeiten nutzen. Die besten Erfahrungen habe ich aber gemacht, wenn ich von Beginn an das Seminar abwechslungsreich konzipiert hatte: 60 Minuten Zoom, dann schaut sich jeder drei zehnminütige Referate als Video an, dann gibts einen Aufsatz als pdf zu lesen, dazu Fragen per Mail einzureichen – und man trifft sich wieder via Zoom zum Diskutieren. Das ist in der Konzeption und Planung zwar viel aufwändiger, das Feedback der Studierenden war hier aber wesentlich besser.

2. Die Kamera ist wichtig für einen Seminarcharakter

Die Süddeutsche Zeitung hat mit dem Titel „Generation unsichtbar“ darüber berichtet, dass angeblich Studierende nur ungern ihre Webcam in Seminaren einschalten. Um ganz deutlich zu sein: Dann handelt es sich auch nicht um ein Seminar, sondern um eine reine Vorlesung mit kaum Interaktionen. Ich bitte jeweils zu Beginn meine Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die Cam einzuschalten. Letztlich entsteht dadurch in der Regel eine sehr gute Seminaratmosphäre. In einem Seminar habe ich leider auch erlebt, dass niemand die Cam einschalten wollte, was dann auch zu langen Monologen meinerseits (dann aber auch ohne Cam von mir) geführt hat. Meine Erfahrung: In solche Fällen macht synchrone Live-Lehre keinen Sinn. Dann kann man gleich auf einen Podcast verlinken.

3. Ausrüstung ist wichtig

Egal, ob Dozierende oder Studierende: Digitale Lehre erfordert Equipment. Weil die meisten Hochschulen und Universitäten (wie zum Beispiel die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg oder die TH Nürnberg) schon angekündigt haben, das Wintersemester 2020/2021 wird auch zumindest weitgehend digital stattfinden, ist jetzt Zeit zu schauen, wo man nachrüsten muss: Klar, eine Webcam gehört zur Standardausrüstung. Sinnvoll sind dann noch ein externes Mikrofon und eine stabile Internetverbindung (übrigens klappt bei einem sehr hohen Datentarif Zoom auch sehr gut via Hotspot durch das LTE vom Smartphone).

4. Dialoge oder Aufgaben statt Monologe

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass kleine Aufgaben in einem Online-Seminar bei Studierenden sehr gut angekommen. Oder zumindest Dialoge statt Monologe. Klar, ich vermute mal, manchen wird dies auf die Nerven gehen, die sich nur einloggen wollen und dann noch ein Stündchen im Bett schlummern. Aber dann macht ein Online-Seminar ja sowieso keinen Sinn. Deshalb setze ich inzwischen sehr stark auf Interaktion.

Hört endlich mit diesen Milliarden auf!

„TUI bekommt Staatskredit über 1,8 Milliarden Euro.“ (Spiegel)
„Bund will bis zu 365 Milliarden Euro neue Schulden aufnehmen.“ (Süddeutsche Zeitung)
„Land stützt Wirtschaft mit Milliarden-Hilfspaket“ (Die Welt)

Drei Überschriften von drei Qualitätsmedien, die Leserinnen und Leser leider nur ratlos zurücklassen. Noch schneller als bei der Euro-Krise wird – verbal – mit Milliarden um uns geworfen. Die Zahlen klingen eindrucksvoll. Die Politik will damit beruhigen, dass sie etwas tut. Doch leider wird von Medien nur höchst selten eingeordnet, was dies bedeutet.

Sind 365 Milliarden Euro neue Schulden viel? Die Zahlen klingen schwindelerregend. Hier wünschte man sich vor allem Vergleiche, um dies einordnen und kapieren zu können. Nur durch Vergleiche (wie man sie bei Flächen durch den abgedroschenen Vergleich mit der Anzahl von Fußballplätzen kennt) können diese einigermaßen greifbar werden.

Zahlen und Statistiken nützen Leserinnen und Lesern nur dann etwas, wenn sie eingeordnet werden. Foto: Pixabay

Deshalb ein Lesetipp: „So lügt man mit Statistik“ von Walter Krämer. Der Statistik-Professor der TU Dortmund sensibilisiert, wie mit Zahlen, Grafiken und Tabellen manipuliert werden kann. In einem Gastbeitrag gibt Roland Schatz, Chef von Media Tenor, außerdem „7 Tipps für besseren Corona-Journalismus“.

Journalismus ist systemrelevant. Es ist wichtig, dass er auch in der Ausnahmesituation hinterfragt und verschiedenste Experten zu Wort kommen lässt, aber auch einordnet. Ein paar Beispiele:

  1. Wenn Unternehmen, aber auch Sportvereine oder andere Organisationen beklagen, wie viele Millionen sie durch die Corona-Krise „verlieren“, muss hinterfragt werden, wie sich diese Zahl ergeben hat und vor allem auch, auf welchen Zeitraum sie sich bezieht.
  2. Die Liste an Ländern mit den meisten Infizierten und den meisten Todesfällen alleine besitzt keine Aussagekraft. Sie ließe sich nur vergleichen, wenn überall exakt gleich getestet werden würde. Außerdem muss auch diese im zeitlichen Kontext und zum Beispiel zur Bevölkerungszahl eingeordnet werden.
  3. Wie hoch ist die als Hilfe in Aussicht gestellte Staatsverschuldung im Vergleich zum Gesamthaushalt? Was bedeutet dies für geplante künftige Infrastrukturprojekte?

Das sind nur einige Beispiele für Fragen, um die Auswirkungen der durch den Corona-Virus entstandenen Krise für Leserinnen und Leser greifbarer zu machen. Genau das ist heute eine der wichtigen Aufgaben für Journalistinnen und Journalisten.

Studie zu ethischen Aspekten im Roboterjournalismus

Ganz so einfach war es gar nicht, Journalistinnen und Journalisten zu ethischen Aspekten im Roboterjournalismus zu befragen. Thomas Zeilinger, Professor für Christliche Publizistik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, und ich haben für unsere Studie festgestellt, dass sich noch relativ wenige wirklich tief mit dem Thema automatisierter Textgenerierung beschäftigt haben. Unsere Ergebnisse haben wir in dieser Woche auf der Jahrestagung des Netzwerks Medienethik und der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Hochschule für Philosophie in München vorgestellt.

Fast drei Viertel der Befragten gaben an, dass es für die Kennzeichnung von automatisiert erstellten Texten allgemeine Standards geben sollte. Foto: Pixabay

117 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich am Online-Fragebogen im Januar 2020 beteiligt, darunter 88 Journalistinnen und Journalisten, 23 Ausbilderinnen und Ausbilder und sechs Vertreter von Journalismus-Verbänden. Wenig überraschend war die Antwort auf die Frage, ob automatisch generierte Texte als solche gekennzeichnet werden sollten: 79 Prozent der Befragten antworteten mit „Ja“, 18 Prozent mit „Nein“ und 3 Prozent mit „Weiß nicht“. Das freie Eingabefeld, wie diese Kennzeichnung gemacht werden sollte, wurde von keinem einzigen Teilnehmer ausgefüllt. Unsere Schlussfolgerung: Wir haben die „sozial erwünschten“ Antworten erhalten, aber wir stellten nur wenig Engagement fest, sich Gedanken darüber zu machen, wie dies am besten aussehen könnte. Und vermutlich hatten sich viele bisher damit noch zu wenig beschäftigt, um eine dezidierte Meinung zu haben, ob dies mit einer Autorenzeile, einem Kürzel, einem Logo oder einem Hinweissatz unter dem Textbeitrag sein sollte.

Foto: Gabriele Hooffacker

Medien und Wahrheit war das Thema der Jahrestagung in München

Deutlich sprachen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dafür aus, dass es Standards für die Kennzeichnung von Roboterjournalismus geben sollte und nicht jede Redaktion je nach Design der eigenen Website eine selbstständige Entscheidung trifft. 78 Prozent plädierten für allgemeingültige Standards, 20 Prozent waren der Ansicht, das sollte jede Redaktion selbst festlegen und 2 Prozent antworteten mit „Weiß nicht“. Auf die Frage, wer denn diese Kennzeichnung regeln sollte, gab es für das freie Textfeld nur sieben Antworten: der Deutsche Presserat (4), der Gesetzgeber (1), ein Redaktionsstatut (1) und die Redaktion (1).

Google bietet in der erweiterten Suche ja verschiedenste Möglichkeiten, etwa wie in diesem Bild die spezifische Suche nur nach pdf-Dokumenten (analog funktioniert dies mit filetype: docx auch für Word und andere Dokumente) oder nur auf bestimmten Websites mit site:zeilingers-zeilen.de etc. Wir haben deshalb gefragt, ob Suchmaschinen eine Einstellung anbieten sollten, dass man speziell nach vom Menschen bzw. von einer Software verfassten Texten suchen können sollte. Etwas überraschend wird darin von den 177 Befragten gar kein Mehrwert gesehen. Nur 32 der 177 Befragten (27 Prozent) wünschen sich diese Funktion, 83 (71 Prozent) nicht und 2 Prozent gaben „Weiß nicht“. an.

Einen großen Unterschied stellten wir zwischen den befragten Gruppen fest, ab wann die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwarten, dass Roboterjournalismus im deutschsprachigen Raum eine bedeutende Rolle spielen werde: Hier zeigte sich, dass der Großteil der Journalismus-Ausbilderinnen und -Ausbilder innerhalb von ein bis zwei Jahren damit rechnet, während die Journalistinnen und Journalisten dies erst innerhalb von drei bis fünf Jahren erwarten.

Über unseren Vortrag auf der Jahrestagung des Netzwerks Medienethik gibt es auch einen Beitrag im Blog „Zeilingers Zeilen“ zu lesen.

Am Montag, 12. Oktober 2020, werden wir das Thema Roboterjournalismus bei der Ringvorlesung Medien & Daten der TH Nürnberg vertiefen. Dazu spricht ab 19.00 Uhr Saim Alkan von AX Semantics (Bahnhofstr. 90 in Nürnberg, Hörsaal BB.103).