„Stirbt das Internet, wie wir es kennen?“, fragte der Deutschlandfunk vor einem knappen Monat und bezog sich darauf, dass Google immer stärker von einer Suchmaschine zu einer Antwortmaschine wird. Für Nutzer könne dies ein Gewinn sein, für Webseiten ein existenzielles Problem.

Perplexity hatte vor den Google AI Overviews gezeigt, wie komfortabel es sein kann, sich die gesuchten Ergebnisse bündig zusammenfassen zu lassen (inklusive Nennung der Quellenangaben). Auch ChatGPT wird hier immer besser, während das Sprachmodell anfangs (ohne Anbindung ans aktuelle Internet) gar nicht dazu gedacht war, eine Website oder App zu ersetzen. Es war eben ein Sprachmodell und keine Datenbank.
„Telekom will Smartphones von Apps befreien“, kündigte der Telekommunikationsanbieter selbst rund um den Mobile World Congress in Barcelona bereits im Jahr 2024 an. Ein Assistent, der auf Künstlicher Intelligenz basiert, soll die Apps ersetzen.
Stirbt also die Website? Stirbt die App? Stirbt das Internet, wie wir es kennen, wenn es doch viel einfacher erscheint, alle Informationen aus einer Hand zu erhalten und nicht selbst mühevoll verschiedene Websites und verschiedene Apps zu durchsuchen?
Zählt künftig allein GAIO und GEO?
Für Medienunternehmen, insbesondere Verlage mit text-lastigen Angeboten, könnte dadurch deren Geschäftsmodell erodieren. Für Unternehmen könnte dies bedeuten, ihre gesamte Aufmerksamkeit auf Generative AI Optimization (GAIO) und Generative Engine Optimazation (GEO) zu legen.
Aber STOP! Bitte vergesst die eigene Website, die eigene App, die eigene digitale Präsenz (nennen wir sie hier einmal Owned Media) nicht! In meinen Augen wird diese künftig wichtiger sein denn je. Warum? Ist dies nicht ein Widerspruch zum Bericht aus dem Deutschlandfunk und der Ankündigung der Deutschen Telekom? Nein. In keinster Weise.
Das erste Mal im Arbeitszimmer einer Schulfreundin gesurft
Lasst uns zunächst einmal mit einem historischen Blick beginnen, denn im Internet hatte es immer wieder Bestrebungen einer einzelnen Website bzw. eines einzelnen Anbieters gegeben, das gesamte World Wide Web in nur einer einzelnen Präsenz abzubilden.
Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich das allererste Mal Mitte der 1990er Jahre ins Internet gegangen bin. Im Arbeitszimmer vom Vater einer Schulfreundin durften wir das Internet erkunden. Wir waren wahnsinnig beeindruckt, dass es bei t-online nicht nur aktuelle Weltnachrichten, sondern sogar einen Button mit „Sport“ gab. Wir waren tatsächlich so beeindruckt, dass wir über das Angebot von t-online gar nicht hinausgekommen sind. Wenig später ist mir dies mit AOL, das ich mit Hilfe einer CD-Rom bei mir zu Hause installiert hatte, ebenfalls so gegangen. Das war noch das Modem-Zeitalter, als es regelmäßig Ärger mit den Eltern gab, weil man die Telefonleitung durchs Surfen im Internet blockiert hatte – und durch Minutenpreise im Netz statt einer Flatrate ganz schön Kosten verursacht hatte.
Mark Zuckerbergs Allmachtsfantasien mit Facebook
Später freuten wir uns, dass das Internet so vielfältig war, jeder eine Website veröffentlichen konnte und Weblogs die Möglichkeit schafften, das Monopol von Verlagen und Rundfunksendern zu brechen. Bis Mark Zuckerberg auf die Idee kam: Facebook könne doch schon alleine all das, was sonst jeder im Netz macht. Er erfand die „Instant Articles“, dass Verlage ihre Nachrichten direkt auf Facebook publizieren konnten. Doch auch Zuckerbergs Vision scheiterte. Corporate Websites, News Websites und nicht zuletzt andere Social-Media-Kanäle (insbesondere mit audiovisuellen Inhalten wie Reels oder Storys) zeigten dem Meta-Konzern, dass die Welle auch wieder in die andere Richtung schwappt.
In dieser Analogie sehe ich gerade die Diskussion rund um Künstliche Intelligenz und das Internet. Die Website wird nicht verschwinden. Lasst uns dazu auch einmal das „Riepl’sche Gesetz“ zitieren, das Wolfgang Riepl im Jahr 1913 natürlich nicht fürs KI-Zeitalter formuliert hatte. Es besagt in Kurzfassung: Bei Medienumbrüchen werden alte Medien nie vollständig durch neue verdrängt (Ob dies für Print-Tageszeitungen und lineare Radio- und Fernsehprogramme noch lange gelten mag, wäre aber zu diskutieren). Es besagt aber auch, dass sich die traditionellen Medien wandeln müssen, um zu überlegen.
Wir müssen das Internet neu erfinden
Genau an diesem Punkt stehen wir heute mit Websites, Apps & Co. Wir müssen das Internet neu erfinden! Wie es aussehen wird? Das weiß derzeit noch niemand. Klar ist, dass wir den Blick eher auf Owned Media als nur eingeschränkt auf traditionelle Websites lenken dürfen, wozu zum Beispiel auch XR (Extended Reality) und das Metaverse zählen. Ein paar Punkte scheinen mir für die Zukunft aber in jedem Fall sicher zu sein, worauf beim Internet der Zukunft für Verlage und die Bereiche Unternehmenskommunikation sowie Marketing zu achten sein wird:
1. User Expierience ist der Schlüssel
Einfacher gehts kaum als bei der Vision der Deutschen Telekom und Googles AI Overview. Daher ist User Experience der Schlüssel fürs Internet der Zukunft. Wir werden es weiterhin schaffen, User auf unsere eigenen Angebote zu bringen, wenn der Besuch unserer Apps und Websites ein Erlebnis wird. Wie dies aussehen wird, wird (hoffentlich) von verschiedenen Unternehmen unterschiedlich beantwortet werden. Hier wird sicherlich Mut und Experimentierfreude belohnt werden.
2. Exklusive Inhalte für die Website
Auf den ersten Blick ist es kaum möglich, exklusive Inhalte den KI-Unternehmen wie ChatGPT, Google, Claude & Co. vorzuenthalten. Wer seine Datenbanken und langjähriges Archivmaterial nicht freigegeben hatte, kann damit User künftig aber genauso auf die eigene Internetpräsenz locken wie (Medien-)unternehmen, die vor allem auf Videos setzen. Zwar leben wir in einem multimodalen Zeitalter, in dem Mediengrenzen fließend sind, aber Videos bestehend aus real gedrehten Szenen können für diese Exklusivität weiterhin sorgen. Hinzu kommen natürlich Content-Langformen wie Reportagen und Porträts.
3. Marke sorgt für Vertrauen
So schlimm ist es mit Halluzinationen bei Large Language Models gar nicht, wie viele glauben. Nicht selten liegen falsche Informationen zum einen an Userfehlern, zum anderen gibt es immer mehr Möglichkeiten, Qualitätssicherung zu betreiben. Ein häufiger Weg in der Medienbranche ist, die Fakten durch ein zweites Sprachmodell gegenchecken zu lassen. Dies führt heute schon dazu, dass die Fehlerrate oft nicht höher ist als die von menschlichen Redakteuren. Dennoch gilt: Starke Marken sorgen auch im KI-Zeitalter für besonders starkes Vertrauen. Daher sollte alles getan werden, um die Glaubwürdigkeit der eigenen Marke zu stärken – und keinesfalls aufs Spiel zu setzen.
4. Dialog statt Monolog
Bei ChatGPT steckt schon im Namen der Chat, als die Unterhaltung mit den Usern. Dies wäre für (Medien-)unternehmen daher kein Alleinstellungsmerkmal mehr, wenn sie auf einen Avatar, KI-Chatbot oder eine andere Interaktion auf der eigenen Webpräsenz setzen. Aber ohne (Live-)Dialoge wird das Internet der Zukunft nicht mehr spannend sein. Es würde für die Nachfolgegeneration genauso wirken, wie für die jetzigen Kinder, die Szenen in ausgedruckten Fotos mit zwei Fingern vergrößern oder zum nächsten weiter schieben wollen. Ein Internetangebot, mit dem man nicht live interagieren kann, wirkt aus der Zeit gefallen.
5. Personalisierung
Jedem seine eigene Website bzw. Darstellung. Allgemeingültige Inhalte sind nicht so spannend, als wenn ich auf mich selbst zugeschnittene Inhalte erhalte. KI macht dies sowohl für ChatGPT, Google Gemini, Claude & Perplexity möglich, aber natürlich auch für jeden Website-Betreiber. Es gibt hier darum, jedem auch in seiner gerade passenden Situation (zu Hause, unterwegs in der U-Bahn, unterwegs im Auto) ein treffendes Angebot zu machen und dabei auch auf die Tageszeit zu achten (einer ist morgens in Eile und braucht die schnelle Info, ein anderer will hier sich eher ausführlicher informieren).









