Stirbt die Website? Nein! Aber es wird höchste Zeit, dass wir gemeinsam am Internet der Zukunft arbeiten

„Stirbt das Internet, wie wir es kennen?“, fragte der Deutschlandfunk vor einem knappen Monat und bezog sich darauf, dass Google immer stärker von einer Suchmaschine zu einer Antwortmaschine wird. Für Nutzer könne dies ein Gewinn sein, für Webseiten ein existenzielles Problem.

KI-generierter Grabstein mit der Aufschrift RIP Website
Stirbt die Website? Der Autor Markus Kaiser ist überzeugt davon, dass dies nicht der Fall sein wird. (Bild generiert mit ChatGPT)

Perplexity hatte vor den Google AI Overviews gezeigt, wie komfortabel es sein kann, sich die gesuchten Ergebnisse bündig zusammenfassen zu lassen (inklusive Nennung der Quellenangaben). Auch ChatGPT wird hier immer besser, während das Sprachmodell anfangs (ohne Anbindung ans aktuelle Internet) gar nicht dazu gedacht war, eine Website oder App zu ersetzen. Es war eben ein Sprachmodell und keine Datenbank.

„Telekom will Smartphones von Apps befreien“, kündigte der Telekommunikationsanbieter selbst rund um den Mobile World Congress in Barcelona bereits im Jahr 2024 an. Ein Assistent, der auf Künstlicher Intelligenz basiert, soll die Apps ersetzen.

Stirbt also die Website? Stirbt die App? Stirbt das Internet, wie wir es kennen, wenn es doch viel einfacher erscheint, alle Informationen aus einer Hand zu erhalten und nicht selbst mühevoll verschiedene Websites und verschiedene Apps zu durchsuchen?

Zählt künftig allein GAIO und GEO?

Für Medienunternehmen, insbesondere Verlage mit text-lastigen Angeboten, könnte dadurch deren Geschäftsmodell erodieren. Für Unternehmen könnte dies bedeuten, ihre gesamte Aufmerksamkeit auf Generative AI Optimization (GAIO) und Generative Engine Optimazation (GEO) zu legen.

Aber STOP! Bitte vergesst die eigene Website, die eigene App, die eigene digitale Präsenz (nennen wir sie hier einmal Owned Media) nicht! In meinen Augen wird diese künftig wichtiger sein denn je. Warum? Ist dies nicht ein Widerspruch zum Bericht aus dem Deutschlandfunk und der Ankündigung der Deutschen Telekom? Nein. In keinster Weise.

Das erste Mal im Arbeitszimmer einer Schulfreundin gesurft

Lasst uns zunächst einmal mit einem historischen Blick beginnen, denn im Internet hatte es immer wieder Bestrebungen einer einzelnen Website bzw. eines einzelnen Anbieters gegeben, das gesamte World Wide Web in nur einer einzelnen Präsenz abzubilden.

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich das allererste Mal Mitte der 1990er Jahre ins Internet gegangen bin. Im Arbeitszimmer vom Vater einer Schulfreundin durften wir das Internet erkunden. Wir waren wahnsinnig beeindruckt, dass es bei t-online nicht nur aktuelle Weltnachrichten, sondern sogar einen Button mit „Sport“ gab. Wir waren tatsächlich so beeindruckt, dass wir über das Angebot von t-online gar nicht hinausgekommen sind. Wenig später ist mir dies mit AOL, das ich mit Hilfe einer CD-Rom bei mir zu Hause installiert hatte, ebenfalls so gegangen. Das war noch das Modem-Zeitalter, als es regelmäßig Ärger mit den Eltern gab, weil man die Telefonleitung durchs Surfen im Internet blockiert hatte – und durch Minutenpreise im Netz statt einer Flatrate ganz schön Kosten verursacht hatte.

Mark Zuckerbergs Allmachtsfantasien mit Facebook

Später freuten wir uns, dass das Internet so vielfältig war, jeder eine Website veröffentlichen konnte und Weblogs die Möglichkeit schafften, das Monopol von Verlagen und Rundfunksendern zu brechen. Bis Mark Zuckerberg auf die Idee kam: Facebook könne doch schon alleine all das, was sonst jeder im Netz macht. Er erfand die „Instant Articles“, dass Verlage ihre Nachrichten direkt auf Facebook publizieren konnten. Doch auch Zuckerbergs Vision scheiterte. Corporate Websites, News Websites und nicht zuletzt andere Social-Media-Kanäle (insbesondere mit audiovisuellen Inhalten wie Reels oder Storys) zeigten dem Meta-Konzern, dass die Welle auch wieder in die andere Richtung schwappt.

In dieser Analogie sehe ich gerade die Diskussion rund um Künstliche Intelligenz und das Internet. Die Website wird nicht verschwinden. Lasst uns dazu auch einmal das „Riepl’sche Gesetz“ zitieren, das Wolfgang Riepl im Jahr 1913 natürlich nicht fürs KI-Zeitalter formuliert hatte. Es besagt in Kurzfassung: Bei Medienumbrüchen werden alte Medien nie vollständig durch neue verdrängt (Ob dies für Print-Tageszeitungen und lineare Radio- und Fernsehprogramme noch lange gelten mag, wäre aber zu diskutieren). Es besagt aber auch, dass sich die traditionellen Medien wandeln müssen, um zu überlegen.

Wir müssen das Internet neu erfinden

Genau an diesem Punkt stehen wir heute mit Websites, Apps & Co. Wir müssen das Internet neu erfinden! Wie es aussehen wird? Das weiß derzeit noch niemand. Klar ist, dass wir den Blick eher auf Owned Media als nur eingeschränkt auf traditionelle Websites lenken dürfen, wozu zum Beispiel auch XR (Extended Reality) und das Metaverse zählen. Ein paar Punkte scheinen mir für die Zukunft aber in jedem Fall sicher zu sein, worauf beim Internet der Zukunft für Verlage und die Bereiche Unternehmenskommunikation sowie Marketing zu achten sein wird:

1. User Expierience ist der Schlüssel

Einfacher gehts kaum als bei der Vision der Deutschen Telekom und Googles AI Overview. Daher ist User Experience der Schlüssel fürs Internet der Zukunft. Wir werden es weiterhin schaffen, User auf unsere eigenen Angebote zu bringen, wenn der Besuch unserer Apps und Websites ein Erlebnis wird. Wie dies aussehen wird, wird (hoffentlich) von verschiedenen Unternehmen unterschiedlich beantwortet werden. Hier wird sicherlich Mut und Experimentierfreude belohnt werden.

2. Exklusive Inhalte für die Website

Auf den ersten Blick ist es kaum möglich, exklusive Inhalte den KI-Unternehmen wie ChatGPT, Google, Claude & Co. vorzuenthalten. Wer seine Datenbanken und langjähriges Archivmaterial nicht freigegeben hatte, kann damit User künftig aber genauso auf die eigene Internetpräsenz locken wie (Medien-)unternehmen, die vor allem auf Videos setzen. Zwar leben wir in einem multimodalen Zeitalter, in dem Mediengrenzen fließend sind, aber Videos bestehend aus real gedrehten Szenen können für diese Exklusivität weiterhin sorgen. Hinzu kommen natürlich Content-Langformen wie Reportagen und Porträts.

3. Marke sorgt für Vertrauen

So schlimm ist es mit Halluzinationen bei Large Language Models gar nicht, wie viele glauben. Nicht selten liegen falsche Informationen zum einen an Userfehlern, zum anderen gibt es immer mehr Möglichkeiten, Qualitätssicherung zu betreiben. Ein häufiger Weg in der Medienbranche ist, die Fakten durch ein zweites Sprachmodell gegenchecken zu lassen. Dies führt heute schon dazu, dass die Fehlerrate oft nicht höher ist als die von menschlichen Redakteuren. Dennoch gilt: Starke Marken sorgen auch im KI-Zeitalter für besonders starkes Vertrauen. Daher sollte alles getan werden, um die Glaubwürdigkeit der eigenen Marke zu stärken – und keinesfalls aufs Spiel zu setzen.

4. Dialog statt Monolog

Bei ChatGPT steckt schon im Namen der Chat, als die Unterhaltung mit den Usern. Dies wäre für (Medien-)unternehmen daher kein Alleinstellungsmerkmal mehr, wenn sie auf einen Avatar, KI-Chatbot oder eine andere Interaktion auf der eigenen Webpräsenz setzen. Aber ohne (Live-)Dialoge wird das Internet der Zukunft nicht mehr spannend sein. Es würde für die Nachfolgegeneration genauso wirken, wie für die jetzigen Kinder, die Szenen in ausgedruckten Fotos mit zwei Fingern vergrößern oder zum nächsten weiter schieben wollen. Ein Internetangebot, mit dem man nicht live interagieren kann, wirkt aus der Zeit gefallen.

5. Personalisierung

Jedem seine eigene Website bzw. Darstellung. Allgemeingültige Inhalte sind nicht so spannend, als wenn ich auf mich selbst zugeschnittene Inhalte erhalte. KI macht dies sowohl für ChatGPT, Google Gemini, Claude & Perplexity möglich, aber natürlich auch für jeden Website-Betreiber. Es gibt hier darum, jedem auch in seiner gerade passenden Situation (zu Hause, unterwegs in der U-Bahn, unterwegs im Auto) ein treffendes Angebot zu machen und dabei auch auf die Tageszeit zu achten (einer ist morgens in Eile und braucht die schnelle Info, ein anderer will hier sich eher ausführlicher informieren).

Lasst uns am Internet der Zukunft gemeinsam arbeiten!

Radio der Zukunft: Wie mit KI News multimodal aufbereitet werden können

Über das Radio der Zukunft haben wir in den vergangenen Wochen viel diskutiert. In einem Blog-Beitrag habe ich geschildert, wie Künstliche Intelligenz Formatradios verändern wird. Aber wo und wie kann KI sinnvoll eingesetzt werden, um journalistische Audio-Inhalte automatisiert zu generieren?

Auf diesem Foto sind ein Mikrofon und ein Kopfhörer zu sehen. Es handelt sich um ein Symbolbild für Audio im Blog Medien-Kaiser von Markus Kaiser.
KI im Audio bietet viele Möglichkeiten. Nicht alle Anwendungsfelder sind aber sinnvoll. (Foto generiert mit ChatGPT)

1. KI hilft bei der Skalierung von Audio-Inhalten

Künstliche Intelligenz ist im Journalismus bei der Inhalte-Generierung immer dann hilfreich und sinnvoll, wenn es um Automatisierung geht, in der Produktion von Inhalten also um Skalierung. Im Audio-Bereich gibt es mehrere Anwendungsbereiche:

  • Jemand moderiert eine Sendung, die (wie bei Radio Galaxy) auf mehreren regionalen Sendern ausgespielt wird. Beispielsweise das Wetter soll regionalisiert werden. Hier wäre es nützlich, das Wetter via geklonter KI-Voice einzubinden, damit sich die Moderatorin oder der Moderator auf die eigentliche Moderation der Sendung fokussieren kann und nicht in einem weiteren Studio wie am Fließband das aktuelle Wetter für mehrere Regionen einsprechen muss. Wenn es diese Aufspaltung in verschiedene Sendegebiete nicht gibt, ist das Wetter genauso schnell selbst eingesprochen. KI-News sind durchgefallen, findet für solche Fälle zum Beispiel auch Yves Simon in seinem Gastbeitrag über die Radionachrichten der Zukunft.
  • Ein Zeitungsverlag mit mehreren Außenredaktionen möchte die bereits recherchierten Inhalte auch für Podcasts nutzen. Von Multimodalität spricht man, wenn sich die Grenzen zwischen Text und Audio (wie hier), aber auch Video und Data auflösen. Für den geschilderten Fall bietet sich ein Podcast-Generator (wie ich ihn in einem Beitrag auf der Website von THINKING LABS beschrieben habe) an, wenn jede Region einen eigenen Podcast erhalten soll. Ein einziger Podcast, der die Inhalte aller Regionen zusammenfasst, wäre inklusive Qualitätssicherung sicherlich genauso schnell von einem menschlichen Host vorgelesen (ggf. mit etwas KI-Hilfe bei der Umformulierung der Inhalte). Hier liegt der Vorteil der KI wieder darin, dass es um mehrere Podcasts geht, als zum Beispiele Hyperlokalität möglich wird. Die Kosten für die Token zur Generierung sind derzeit noch das Ausschlusskriterium, warum nicht jeder User übrigens seinen komplett personalisierten Podcast erhalten kann. Technisch wäre dies natürlich auch heute schon möglich.
  • Wenn sich die Zielgruppen eines Medienunternehmens massiv unterscheiden, kann KI helfen, die Inhalte unterschiedlich aufzubereiten: einmal für Fachleute, einmal für Laien, einmal für Senioren, einmal für Kinder. Möglich ist es, dass KI auch sprachliche Unterschiede macht: für Senioren werden Anglizismen bewusst weggelassen, für Jugendliche (dosiert und nicht übertrieben) Jugendsprache eingesetzt. Denn Sprache ist etwas, das sehr stark verbinden oder ausgrenzen kann. Bei meinen Erstsemestern an der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm mache ich beispielsweise immer das Experiment und frage, was ein Drahtesel ist. Nur wenige wissen dies heute noch. Und doch findet sich in Tageszeitungen immer wieder eine Überschrift mit dem (aus Sicht meiner Erstsemester) antiquierten Wort. Dafür würden Senioren eher stutzen, wenn im Audio Wörter wie „random“, „cool“ etc. eingestreut wären.

2. KI hilft dann, wenn der Mensch vorher das Format entwickelt hat

Notebook LM von Google und ähnliche Tools schaffen es ganz gut, aus Text (wie ganzen Büchern oder wissenschaftlichen Aufsätzen) ein Gespräch zu simulieren. An die Qualität eines Radiobeitrags kommt dies allerdings bislang noch selten heran. Einen Podcast automatisiert von der KI generieren zu lassen, bedarf daher noch massiver Vorplanung. Wenn die Formatentwicklung ernst genommen wird, steigert dies die Qualität massiv. Und wirkt gemeinsam mit den anderen Produkten der Medienmarke nicht als Fremdkörper, sondern passt sich hier optimal ein.

  • Beim Podcast geht es um mehr als Text-to-speech. Es geht darum, dass zum Beispiel Texte von einer Nachrichten-Website von einem KI-Nachrichten-Duo (unterhaltsam) vorgetragen werden. Schließlich wirkt das Vorlesen von Nachrichten von nur einer (KI-)Stimme relativ schnell ermüdend für den User. Auch gilt es, Schriftdeutsch in gesprochenes Deutsch umzuwandeln (und ggf. auch die Sprache etwas zu verjüngen, um andere Zielgruppen zu erreichen, siehe oben). Hier kann man natürlich frei wählen, ob man eine geklonte Voice nimmt (beispielsweise eines bekannten Redakteurs oder Moderators) oder eine künstlich generierte Stimme. Eleven Labs gilt hier weiterhin als Premiumanbieter für KI-Stimmen. Wenn die Audios aber skaliert werden sollen, gilt es neben der Qualität auch auf den Preis beim Anbieter zu achten.
  • Aus der Chatbot-Forschung (noch vor dem KI-Boom) haben wir zahlreiche Erkenntnisse, welche Persönlichkeiten von Chatbots (übertragbar heute auf Avatare und KI-Stimmen) bei Userinnen und Usern wie ankommen. Diese sollten auch in die Formatentwicklung miteinfließen. Auch stellt sich die Frage, ob eine KI-Stimme menschliche Züge annehmen soll (vielleicht etwas überzeichnet sogar) oder bewusst nicht.
  • Rubriken (wie „Sport“, „Blaulicht“ etc.) können vorher definiert werden. Inhalte werden dann automatisch gruppiert und diesen Rubriken zugeordnet. Ein Jingle vorher bietet den Hörerinnen und Hörern Orientierung. Auch ist es möglich, die Inhalte hierarchisch nach dem Nachrichtenwert sortieren zu lassen – und als letzte Meldung eine möglichst positive Nachricht auszuspielen.
Symboldbild mit Ball und Schläger
Rubriken wie Sportnachrichten werden von der KI selbst erkannt. (Foto generiert mit ChatGPT)
  • Wenn eine Reporterin oder ein Reporter für die News-Website oder ein Printprodukt vor Ort war, kann es von den Protagonisten O-Töne mitbringen. Auch diese können (automatisiert) in den Audio-Beitrag eingebunden werden. Am Ende klingt es wie in einem professionellen Radio-Feature, denn die O-Töne werden immer an den passenden Stellen eingebaut. Wie dies funktioniert? Aus dem O-Ton (zum Beispiel vom Bürgermeister) macht man Speech-to-Text. Dazu packt man den Text von der News-Website. Das Large Language Model (LLM) wiederum gestaltet das Gesamtpaket Audio-affin um mit der Vorgabe, die O-Töne dürfen geschnitten (gekürzt), aber nicht verändert werden. Beim nächsten Schritt (text-to-speech) wird der O-Ton nicht von einer KI-Stimme noch einmal vertont, sondern wieder im Original (hier vom Bürgermeister) eingespielt. Nur das Moderatoren-Duo sind dann KI-Stimmen.

Dies sind nur einige Beispiele dafür, wie durch eine professionelle Formatentwicklung ein News-Podcast noch einmal deutlich an Qualität und Nutzerakzeptanz zulegen kann.

3. KI als Handwerkszeug

Künstliche Intelligenz kommt vor allem auch als Handwerkszeug ins Spiel. „Äh“ und „Ähm“ werden automatisiert aus Beiträgen geschnitten, Interviews automatisiert gekürzt und Social-Media-Teaser erstellt (wie dies zum Beispiel beim Tool Riverside schon standardmäßig der Fall ist). KI hilft beim Produktions-Workflow und schafft für Redakteurinnen und Redakteure die zeitlichen Freiräume, sich wieder verstärkt um die (hochwertigen) Inhalte zu kümmern.

Bei Podcasts übernimmt die KI außerdem die Erstellung von Schlagworten und der Shownotes. Das heißt, auch hier kümmert sie sich um lästige Pflichtaufgaben.

4. KI ist schneller als der Mensch

Im Sport geht nichts über live. Eine Live-Schalte aus dem Fußball- oder Eishockeystadion macht Radio, das häufig als das „schnellste Medium“ beschrieben worden ist, unverzichtbar. Durch Livestreaming auch via Instagram und LinkedIn gibt es heute für live zwar noch weitere Möglichkeiten. Für diese Art der Liveberichterstattung braucht es aber auch dort (noch) Journalistinnen und Journalisten.

Der Mehrwert der KI liegt vor allem in unerwarteten Ereignissen, die über Dritte (wie die Polizei) zum Radiosender kommen. Das beste Beispiel: die Geisterfahrer-Meldung im Radio. Wenn diese KI-generiert ausgespielt wird, erreicht sie die Autofahrerinnen und -fahrer mindestens 30, vielleicht sogar 60 Sekunden schneller, als wenn der Moderator mitten in den Song hinein ein Break macht. Dies kann in solchen Situationen entscheidend sein. Auch nachts, wenn kein Moderator mehr im Sender ist und der Betrieb automatisch läuft, informiert die KI über Verkehrsmeldungen (wie bereits jetzt schon zum Beispiel im Bayerischen Rundfunk). Ein echter Mehrwert durch KI.

Transparenzhinweis: Der Autor ist Professor an der TH Nürnberg und auch für das KI-Unternehmen THINKING LABS aus Neustadt an der Weinstraße tätig, die einen Podcast-Generator entwickelt haben.

Zur Website von THINKING LABS

Radio der Zukunft: KI wird Formatradios verändern

In den vergangenen Jahren ist es etwas stiller geworden um das Riepl’sche Gesetz. Kurz zusammengefasst besagt dies, dass kein neues Medium ein altes vollständig verdrängen wird. Im Jahr 1913 hatte Kurt Riepl dies formuliert. Das „Gesetz“ wurde immer wieder herausgekramt: Schließlich hat das Radio nicht die Zeitung verdrängt, das Fernsehen nicht das Radio und das Internet… Hier gab und gibt es durchaus Diskussionen, ob das Internet nicht eines Tages alle anderen Medien in sich vereinen wird.

Was das Riepl’sche Gesetz noch aussagt: Die bisherigen Medien verändern sich. Nur durch diese Veränderung schaffen sie es, nicht überflüssig und ersetzt zu werden. Sie fokussieren sich sozusagen auf ihre jeweiligen Stärken.

Was diese Erklärung mit Künstlicher Intelligenz und Formatradio zu tun hat? Formatradio wird nur dann (zumindest vorübergehend und mittelfristig) überleben, wenn es sich ebenfalls wandelt. Dies bedeutet: Es muss seine Nische zwischen Podcasts, Spotify und den Radiosendern, deren Programm nur mit KI gemacht wird (wie BigGPT oder Absolut AI), finden. Eine gute Erläuterung, wie dies funktionieren kann, hat Jörn Krieger in einem Gastbeitrag für diesen Blog schon einmal gegeben.

KI muss als Chance genutzt werden, Prozesse zu übernehmen, die Moderatoren wieder mehr Freiheiten für Kreativität schaffen. (Foto generiert mit ChatGPT)

In meinen Augen bedeutet dies keine völlige Abkehr von Formatradios. Die Radiosender müssen aber wieder näher an den Menschen rankommen und mehr emotionalisieren. Personalitys, die Sender auch off air bei kleineren und größeren Events einsetzen, sind der Hauptpunkt. Ein Fokus auf die Bedürfnisse und Lebenswelt der Hörerinnen und Hörer ist ein weiterer. Hier sind lokale und regionale Inhalte weiterhin ein Einschaltargument, das Spotify eben nicht bietet.

KI ist nicht zum Einsparen da

Daher gilt: KI hilft, bestimmte Prozesse zu optimieren. Auch der Verkehrsfunk, ggf. das Wetter und bestimmte Inhalte lassen sich durch KI optimieren. An der Technischen Hochschule Nürnberg haben wir zur Hörerakzeptanz von KI im Radio ein Lehrforschungsprojekt durchgeführt. Dies darf aber nicht dazu dienen zu sparen, sondern muss den Moderatorinnen und Moderatoren und auch Reporterinnen und Reportern wieder verstärkt die Möglichkeit bieten, Inhalte zu produzieren, die hochwertig sind und den kleinen, aber feinen Unterschied zu einer Spotify-Playlist ausmachen.

Im nächsten Diskussionsbeitrag zum Radio der Zukunft setzt sich Yves Simon mit der Zukunft der Radionachrichten auseinandner.