Nicht der „Roboter“, sondern der Mensch war der Dumme

Zu Recht machen sich Fußball-Fans über das Schweizer Boulevard-Portal Nau.ch lustig (danke an Klaus Schardt von Kontext PR in Fürth, der den Screenshot auf Facebook gepostet hat), weil es am Sonntag titelte: „SpVgg Greuther Fürth und Dynamo Dresden trennen sich unentschieden.“ Man kann sich aber nur wieder „trennen“, wenn man vorher auch zusammengekommen ist. Wegen Sturm „Eberhard“ ist das Zweitliga-Spiel aber abgesagt worden – was die Software nicht davon abhielt, einen automatisch generierten Text zu schreiben, fälschlicherweise sogar mit dem Hinweis „Der Schiedsrichter pfeift die Partie an“.

Zu Unrecht schimpfen Journalisten aber über die Software, die noch zu dumm sei, Spielberichte zu verfassen. „Roboterjournalismus“ nennt man diese Art umgangssprachlich, wenn die Software anhand von Daten selbst Spiel-, Wetter- oder Börsenberichte schreibt. Denn der Dumme ist natürlich auch hier der Mensch dahinter, der beim Programmieren der Software den Fall einer Spielabsage aufgrund eines Sturms nicht vorhergesehen hat. Aus Fehlern lernen Menschen (also auch die Programmierer) aber – und damit auch die Software. Wer jetzt noch über die Anfängerfehler spottet und sich zurücklehnt, wird in wenigen Jahren das Nachsehen haben. Es gab mehrfach Tests, bei denen Leserinnen und Leser die automatisch generierten Texte für die vom Menschen geschriebenen hielten. Und umgekehrt.

In der Massenproduktion schneiden Maschinen besser ab als Menschen

Prof. Thomas Hestermann in meedia im Jahr 2017

„Roboterjournalismus“ ignorieren und sich darüber lustig machen, ist für Verlage und speziell auch für Journalistinnen und Journalisten keine Lösung.

1. Den Markt nicht anderen überlassen

Nach dem Verlust von Rubrikenanzeigen für Immobilien, Autos & Co. an einstige Startups können es sich traditionelle Medienhäuser nicht erlauben, auch den Automatisierungs-Trend zu verschlafen. Hier stehen Tech-Newcomer ebenfalls schon in den Startlöchern bzw. arbeiten schon länger daran, Inhalte automatisiert zu publizieren: Retresco in Berlin oder AX Semantics in Stuttgart sind hier zwei in der Medienszene inzwischen recht bekannte Beispiele. Wenn man es nicht selbst macht, machen es andere. Allein die Masse an „Roboter“-Texten wird sauber journalistisch recherchierte, überprüfte und stilistisch fein geschriebene Texte im Netz an den Rand drängen.

2. Lasst uns über Transparenz diskutieren!

Wir brauchen eine breite Diskussion und anschließend einen von allen Seiten getragenen Konsens darüber, ob und wie die Texte gekennzeichnet werden sollten, die von der Software geschrieben werden. Ich plädiere dafür, deutlich (und nicht irgendwo versteckt) sichtbar zu machen: „Dieser Text wurde vom Computer verfasst.“ Hier bin ich völlig anderer Meinung als Saim Alkan von AX Semantics, der auf einer Tagung der TH Nürnberg bei der Akademie für Politische Bildung in Tutzing argumentiert hat, es werde ja in der Zeitung auch nicht gekennzeichnet, wenn ein Text von einem Volontär stammt. Transparenz ist wichtig. Es ist heute vielleicht sogar das bedeutendste Unterscheidungskriterium, ob ein Content Journalismus ist oder nicht.

Mitgestalten statt negieren ist hier wichtig. Wäre es nicht vielleicht sogar auch sinnvoll, dass man künftig als Option bei der Suchmaschine nur nach von Journalisten verfassten Texten suchen kann, so wie man heute mit dem Hinweis „filetype:pdf“ nur Internetseiten mit pdfs oder bei „site:taz.de“ nur Beiträge von der Website der taz erhält?

Bei „Roboter“-Texten muss es außerdem kein Schwarz-Weiß geben. Ein Mittelweg könnte sein: Vielleicht nimmt einem der „Roboter“ die Arbeit ab und formuliert die Texte im Amateurfußball vor. Der Redakteur redigiert sie anschließend, prüft Fakten – und stellt erst dann den Beitrag online. Routinearbeit erledigt sozusagen der „Roboter“, die Veredelung erfolgt durch den Menschen. Dies erinnert etwas an die Main Post: Die Zeitung aus Würzburg hat für ihre Artikel drei Kategorien festgelegt: Journalisten sollen sich auf die wichtigsten konzentrieren und hier ihre Energie investieren, statt für Texte von Jubiläumsfeiern der Freiwilligen Feuerwehr oder des Gesangvereins. Heute muss man als Journalist mit seinen Ressourcen eben sinnvoll haushalten.

3. Grafiken wären die bessere darstellungsform

Dann ist sicher auch die Frage erlaubt, ob es überhaupt Sinn ergibt, aus Daten Texte formulieren zu lassen. Dies widerspricht dem Grundprinzip von multimedialem Storytelling, wie wir es zum Beispiel in all den Onepagern, Scrollytelling-Projekten bzw. Multimedia-Features kennen: Vom Thema her denken! Also erst überlegen, was man erzählen will, und dann das dafür am besten geeignete Medium auswählen (Video bei Bewegungen und Emotion, Grafiken bzw. Tabellen bei Zahlen und Statistiken, Text für Analyse etc.). Denn heute kann der „Roboter“ vor allem aus möglichst strukturiert bereitgestellten Daten Texte erstellen. Also wäre oft eine grafische Mannschaftsaufstellung mit einer schematischen Torfolge-, Rote-Karten- und Fehlpass-Darstellung die bessere Variante.

Warum uns dann der „Roboter“-Text nicht nervt? Erstens weil noch zu viele von Journalisten verfasste Texte auch nicht besser sind, auch nicht mehr auf Hintergründe eingehen und Zusammenhänge aufzeigen. Zweitens weil es (wie beim ersten Virtual-Reality-Erlebnis) ein Aha-Effekt ist, wenn man seinen Namen als A-Klasse-Fußballer erstmals in einem Spielbericht lesen darf (der dann sogar noch personalisiert sein, zumindest die Brille der Heim- oder der Gastmannschaft einnehmen kann). Und drittens weil vor allem im Audio-Bereich (insbesondere für Voice-Assist-Systeme) Text statt Grafiken nötig sind.

Schmunzeln über den Fußball-Fauxpas von Nau.ch darf man aber natürlich trotzdem. Ich selbst als eingefleischter Fan des 1. FC Nürnberg würde mich ja sogar sehr freuen, wenn ich im Netz mal wieder einen Spielbericht über ein 0:0 meines Vereins finden würde. Leider lese ich nur Berichte über Niederlagen – egal ob vom „Roboter“ oder vom menschlichen Journalisten geschrieben.

Warum Chatbots unterschätzt werden

„Bis zum Jahr 2020 wird ein durchschnittlicher Bürger mehr Konversation mit einem Bot betreiben als mit dem Lebenspartner.“

Prognose des US-Marktforschungsunternehmens Gartner


Ich musste selbst erst einmal mit dem Kopf schütteln, als ich diese Prognose gelesen habe. Im Oktober 2016 hat Gartner diese kühne Behauptung aufgestellt. Im nächsten Jahr soll es also schon so weit sein? In welchen Situationen könnte ich denn mit automatisierter Kommunikation in Kontakt kommen statt mit menschlicher? Wenn man an Voice-Assist-Systeme wie Amazons Alexa, Apples Siri oder die vielen neuen Chatbots denkt, wirkt die Prognose von Gartner aber schon gar nicht mehr so unrealistisch. Vielleicht wird nicht jeder 2020 bereits mehr Konversation mit einem Bot betreiben als mit dem Lebenspartner (offen ist natürlich auch die Frage, wie viel Kommunikation ein durchschnittlicher Bürger mit seinem Lebenspartner hat). Aber dass automatisierte Kommunikation zunehmen wird, halte ich für sicher.

Cover des Buchs Chatbots von Markus Kaiser, Aline-Florence Buttkereit und Johanna Hagenauer.
Das Praxisbuch über Chatbots ist bei SpringerVS erschienen.

Aus diesem Grund habe ich mich im vergangenen Jahr neben den Themenschwerpunkten Newsrooms im Journalismus und in der Unternehmenskommunikation sowie Hörerdatenmanagement in der angewandten Forschung schwerpunktmäßig um Chatbots gekümmert. An der TH Nürnberg haben wir unter anderem ein Lehrforschungsprojekt zu Chatbots und automatisierter Kommunikation gestartet. Gemeinsam mit Digitalberaterin Aline-Florence Buttkereit und UX-Designerin Johanna Hagenauer haben wir einen Design Sprint durchgeführt. Letztlich ist das Buch „Chatbots. Automatisierte Kommunikation im Journalismus und in der Public Relation“ im Verlag SpringerVS entstanden, das soeben erschienen ist.

Was sind aber nun die Gründe, warum Chatbots in naher Zukunft eine bedeutende Rolle spielen werden?

  • Ähnlich wie bei Multimedia-Storys oder Mobile reporting ist es kein Hexenwerk mehr, einen Chatbot zu erstellen. Wenn eine neue Mediengattung entsteht, hat man als First Mover immer einen sehr hohen Kostenblock für die Programmierung. Inzwischen gibt es für Chatbots aber genügend technische Tools, die es kinderleicht machen, ein Konzept umzusetzen. Das aufwändigere und schwierigere ist es hier schon, sich vorab genau die Zielsetzung und Zielgruppe für seinen Chatbot zu überlegen.
  • User erwarten heute, dass Unternehmen und Redaktionen nicht mehr nur von nine to five erreichbar sind. Chatbots ermöglichen es, auch außerhalb dieser Kernzeiten einen Teil von Anfragen abzufangen.
  • Was mit dem Web 2.0 begann, setzt sich immer stärker fort: User wollen Dialoge statt Einbahnstraßen-Kommunikation. Dies zeigt sich durch den Erfolg von Facebook genauso wie von WhatsApp und anderen Social-Media-Kanälen. Chatbots lassen sich hier (wie zum Beispiel Chatfuel für Facebook) inzwischen sehr gut einbinden. Chatbots sind also nicht mehr nur etwas für die eigene Website.
  • Das Internet wird immer unübersichtlicher. Roboterjournalismus trägt schon heute seinen Anteil dazu bei, dass immer mehr (eben auch vom Computer generierte) Texte entstehen. Wir nutzen deshalb heute in der Regel klassische Suchmaschinen wie Google, um im Informationsdschungel noch den Überblick zu behalten. Ich selbst nutze Google mit dem speziellen „site:“-Befehl (wie zum Beispiel „site:nordbayern.de“) sogar lieber als die Suchfunktion auf einer Website. Hier sehe ich allerdings künftig auch Chatbots, die einen durch Websites navigieren.

Wenn man heutige Chatbots testet, muss man viele noch nicht gut finden. Ich sehe bei fast allen noch viel Entwicklungspotenzial (vor allem konzeptionell). Insbesondere Dialogbäume sind noch deutlich ausbaubar – und dann sollte sich der Chatbot doch auch bitteschön meine Eingaben von gerade eben merken, statt (wie Lufthansa Mildred) immer wieder neu zu fragen, wohin ich denn fliegen möchte. Sicher wird sich trotz aller derzeit noch vorhandenen Schwächen der Trend zu automatisierter Kommunikation fortsetzen. Deshalb werde ich auch an dieser Stelle wohl noch öfter auf Chatbots zu sprechen kommen.

Neuer Blog über Medieninnovationen

Meinen ersten Blog hatte ich zu einer Zeit begonnen, als ich noch bei StudiVZ statt bei Facebook, Instagram, LinkedIn und Twitter war. Ich war damals Wissenschafts-, Hochschul- und Sportredakteur der Nürnberger Zeitung und habe über das Leben an Bayerns Hochschulen und Universitäten gebloggt. Vor allem über diejenigen Dinge habe ich im Blog geschrieben, die in der gedruckten Zeitung keinen Platz gefunden haben, manchmal aber mehr Leserinnen und Leser interessiert haben als die Nachrichten, Reportagen und Features im Printprodukt. Campus-Blog hieß mein erster Weblog damals, der heute von meiner Redakteurs-Nachfolgerin Christina Merkel erfolgreich weitergeführt wird.

Header des Campus-Blogs der NZ
Campus-Blog der NZ

Danach habe ich mal hier, mal da gebloggt. Je nach Themenbereich, um den ich mich gerade haupt- oder nebenberuflich bzw. im Hobby gekümmert habe. Für verschiedene Blogs habe ich Gastbeiträge verfasst, andere Blogger immer wieder mal beraten. Gemeinsam mit Aline-Florence Buttkereit hatte ich als Leiter der Medienstandort-Agentur des Freistaats Bayern keinen klassischen Blog, aber eine journalistische Medienstandort-Website www.medien.bayern aufgebaut (die heute auf die Homepage des neuen bayerischen Digitalministeriums zeigt). Immer wieder war ich als Blogger, Speaker und teilweise als Organisator bei Blogger-Treffen mit dabei: Sei es auf der Biofach in Nürnberg, beim Blogger- und Influencer-Treffen im Oktober 2018 am Nürnberger Flughafen oder beim Bloggermarket an der HFF München im März 2019.

Markus Kaiser
Prof. Markus Kaiser bloggt hier über Medieninnovationen. Foto: Tim Neiertz

Und meine Studierenden mussten in Kursen zu digitalem Journalismus standardmäßig einen Blog konzipieren und umsetzen. Auf keine andere Art lässt sich so gut Onlinejournalismus an der Uni simulieren als durch eine eigenen Weblog. Hervorgegangen sind sehr erfolgreiche Blog (wie zum Beispiel PolTec); manche sind nach der Prüfungsleistung allerdings auch wieder sofort verschwunden. Die Themen hätten kaum unterschiedlicher sein können: Vom Märchen-Blog über Technik-, Mode- und Sport-Blogs bis zu reinen Foto- oder Video-Blogs war alles dabei.

Und jetzt beginne ich also einen neuen Blog über Medieninnovationen.  Der Blog erhebt keinen Anspruch, allumfassend über digitale Medienthemen zu informieren. Dies ist bei der rasanten Entwicklung überhaupt nicht möglich. Und dafür gibt es auch bereits hervorragende andere Medien-Blogs. Ich möchte hier einzelne Themen herausgreifen und diese etwas grundsätzlicher und aus einer persönlichen Perspektive behandeln. Für Feedback, Anregungen, Kritik und Ideen bin ich natürlich immer offen und dankbar. Viel Spaß beim Lesen!