Gastbeitrag von Dr. Jörn Krieger, Journalist und Moderator
Radio wird heute oft anhand von vorgegebenen Musik-Playlists, strengen Zielgruppenmodellen und engen Formatierungen gestaltet. Die Sendungen, Songs und Moderationen sollen fürs „erwartete“ Publikum „passen“, alles soll möglichst vorhersehbar sein. Wer einschaltet, soll wissen, was ihn erwartet.
Ich behaupte das Gegenteil: Wer weiß, was kommt, schaltet nicht ein. Gutes Radio lebt von lebendigen Sendungen, überraschenden Momenten, spontanen Höreraktionen, Moderatoren mit unverwechselbarer Persönlichkeit und der Freiheit, die sie am Mikrofon haben. Nur eines sollen sie nicht: die Hörer langweilen.
Im „Satzzeichen“-Podcast der Hanns-Seidel Stiftung mit Journalismus-Professor Markus Kaiser und Gastgeber Christian Jakubetz vertrete ich die Position, dass es beim Radio vor allem auf Authentizität, Spontaneität und gute Geschichten ankommt – und nicht auf Zielgruppen oder das Alter von Musik, Moderatoren oder Hörern.
Moderatoren brauchen Raum für eigene Entscheidungen
Gutes Radio zeichnet sich meiner Ansicht nach dadurch aus, dass Moderatoren Raum für eigene Entscheidungen haben. Sie tauschen mal einen Song der Playlist aus, wenn sie gerade etwas Spannendes dazu erzählen können. Sie berichten von persönlichen Erlebnissen, teilen Eindrücke vom Tag oder von Begegnungen, die ihnen etwas bedeuten. Sie haben mehr zu sagen als Stationsname, Sendermotto und Uhrzeit.

Die Herausforderung: Gefragt sind mutige Programmmacher, die es ihren Moderatoren und Redakteuren erlauben, das angestammte Format auch mal zu durchbrechen – und die dann auch die Verantwortung dafür übernehmen. Die gute Nachricht: das kostet nichts extra.
Ein gelungenes Beispiel ist Werner Reinke vom Hessischen Rundfunk (hr). Fast 80 Jahre alt, begeistert er in seiner samstäglichen hr1-Sendung (9-12 Uhr) sein Publikum noch immer, weil er Songs spielt, zu denen er Geschichten und persönliche Erlebnisse erzählen kann, etwa zu den Bands, Sängern oder Konzerten – quer durch alle Jahrzehnte. Oder er sagt einfach nur, was ihm gerade in den Sinn kommt, passend und wichtig erscheint.
Radio ist das, was zwischen der Musik läuft
Radio, das starr nach Zielgruppenlogik und anderen starren Vorgaben funktioniert, liefert Musik, aber keinen Gesprächsstoff, Emotionen oder Hörerbindung. Mit ihren auf den eigenen Geschmack und die gewünschte Stimmung ausgerichteten Playlists können das Streamingdienste wie Spotify besser. Radio spielt seine Stärke aus, wenn es menschlich, spontan und persönlich ist.
In anderen Worten: Radio ist das, was zwischen der Musik läuft.
Im nächsten Diskussionsbeitrag zum Radio der Zukunft setzt sich Markus Kaiser mit Künstlicher Intelligenz im Radio auseinadner.