Radio der Zukunft: KI wird Formatradios verändern

In den vergangenen Jahren ist es etwas stiller geworden um das Riepl’sche Gesetz. Kurz zusammengefasst besagt dies, dass kein neues Medium ein altes vollständig verdrängen wird. Im Jahr 1913 hatte Kurt Riepl dies formuliert. Das „Gesetz“ wurde immer wieder herausgekramt: Schließlich hat das Radio nicht die Zeitung verdrängt, das Fernsehen nicht das Radio und das Internet… Hier gab und gibt es durchaus Diskussionen, ob das Internet nicht eines Tages alle anderen Medien in sich vereinen wird.

Was das Riepl’sche Gesetz noch aussagt: Die bisherigen Medien verändern sich. Nur durch diese Veränderung schaffen sie es, nicht überflüssig und ersetzt zu werden. Sie fokussieren sich sozusagen auf ihre jeweiligen Stärken.

Was diese Erklärung mit Künstlicher Intelligenz und Formatradio zu tun hat? Formatradio wird nur dann (zumindest vorübergehend und mittelfristig) überleben, wenn es sich ebenfalls wandelt. Dies bedeutet: Es muss seine Nische zwischen Podcasts, Spotify und den Radiosendern, deren Programm nur mit KI gemacht wird (wie BigGPT oder Absolut AI), finden. Eine gute Erläuterung, wie dies funktionieren kann, hat Jörn Krieger in einem Gastbeitrag für diesen Blog schon einmal gegeben.

KI muss als Chance genutzt werden, Prozesse zu übernehmen, die Moderatoren wieder mehr Freiheiten für Kreativität schaffen. (Foto generiert mit ChatGPT)

In meinen Augen bedeutet dies keine völlige Abkehr von Formatradios. Die Radiosender müssen aber wieder näher an den Menschen rankommen und mehr emotionalisieren. Personalitys, die Sender auch off air bei kleineren und größeren Events einsetzen, sind der Hauptpunkt. Ein Fokus auf die Bedürfnisse und Lebenswelt der Hörerinnen und Hörer ist ein weiterer. Hier sind lokale und regionale Inhalte weiterhin ein Einschaltargument, das Spotify eben nicht bietet.

KI ist nicht zum Einsparen da

Daher gilt: KI hilft, bestimmte Prozesse zu optimieren. Auch der Verkehrsfunk, ggf. das Wetter und bestimmte Inhalte lassen sich durch KI optimieren. An der Technischen Hochschule Nürnberg haben wir zur Hörerakzeptanz von KI im Radio ein Lehrforschungsprojekt durchgeführt. Dies darf aber nicht dazu dienen zu sparen, sondern muss den Moderatorinnen und Moderatoren und auch Reporterinnen und Reportern wieder verstärkt die Möglichkeit bieten, Inhalte zu produzieren, die hochwertig sind und den kleinen, aber feinen Unterschied zu einer Spotify-Playlist ausmachen.

Im nächsten Diskussionsbeitrag zum Radio der Zukunft setzt sich Yves Simon mit der Zukunft der Radionachrichten auseinandner.

Gastbeitrag zum Radio der Zukunft: Radio lebt von Persönlichkeit

Gastbeitrag von Dr. Jörn Krieger, Journalist und Moderator

Radio wird heute oft anhand von vorgegebenen Musik-Playlists, strengen Zielgruppenmodellen und engen Formatierungen gestaltet. Die Sendungen, Songs und Moderationen sollen fürs „erwartete“ Publikum „passen“, alles soll möglichst vorhersehbar sein. Wer einschaltet, soll wissen, was ihn erwartet.

Ich behaupte das Gegenteil: Wer weiß, was kommt, schaltet nicht ein. Gutes Radio lebt von lebendigen Sendungen, überraschenden Momenten, spontanen Höreraktionen, Moderatoren mit unverwechselbarer Persönlichkeit und der Freiheit, die sie am Mikrofon haben. Nur eines sollen sie nicht: die Hörer langweilen.

Im „Satzzeichen“-Podcast der Hanns-Seidel Stiftung mit Journalismus-Professor Markus Kaiser und Gastgeber Christian Jakubetz vertrete ich die Position, dass es beim Radio vor allem auf Authentizität, Spontaneität und gute Geschichten ankommt – und nicht auf Zielgruppen oder das Alter von Musik, Moderatoren oder Hörern.

Moderatoren brauchen Raum für eigene Entscheidungen

Gutes Radio zeichnet sich meiner Ansicht nach dadurch aus, dass Moderatoren Raum für eigene Entscheidungen haben. Sie tauschen mal einen Song der Playlist aus, wenn sie gerade etwas Spannendes dazu erzählen können. Sie berichten von persönlichen Erlebnissen, teilen Eindrücke vom Tag oder von Begegnungen, die ihnen etwas bedeuten. Sie haben mehr zu sagen als Stationsname, Sendermotto und Uhrzeit.

Radio lebt von der Persönlichkeit von Moderatorinnen und Moderatoren. (Foto generiert mit ChatGPT)

Die Herausforderung: Gefragt sind mutige Programmmacher, die es ihren Moderatoren und Redakteuren erlauben, das angestammte Format auch mal zu durchbrechen – und die dann auch die Verantwortung dafür übernehmen. Die gute Nachricht: das kostet nichts extra.

Ein gelungenes Beispiel ist Werner Reinke vom Hessischen Rundfunk (hr). Fast 80 Jahre alt, begeistert er in seiner samstäglichen hr1-Sendung (9-12 Uhr) sein Publikum noch immer, weil er Songs spielt, zu denen er Geschichten und persönliche Erlebnisse erzählen kann, etwa zu den Bands, Sängern oder Konzerten – quer durch alle Jahrzehnte. Oder er sagt einfach nur, was ihm gerade in den Sinn kommt, passend und wichtig erscheint.

Radio ist das, was zwischen der Musik läuft

Radio, das starr nach Zielgruppenlogik und anderen starren Vorgaben funktioniert, liefert Musik, aber keinen Gesprächsstoff, Emotionen oder Hörerbindung. Mit ihren auf den eigenen Geschmack und die gewünschte Stimmung ausgerichteten Playlists können das Streamingdienste wie Spotify besser. Radio spielt seine Stärke aus, wenn es menschlich, spontan und persönlich ist.

In anderen Worten: Radio ist das, was zwischen der Musik läuft.

Zur Website von Jörn Krieger

Im nächsten Diskussionsbeitrag zum Radio der Zukunft setzt sich Markus Kaiser mit Künstlicher Intelligenz im Radio auseinadner.

Radio der Zukunft: Unterschätzt den Wert einer Radiomarke nicht!

Über das Radio der Zukunft haben wir in der vergangenen Woche viel diskutiert: Auf www.radioszene.de haben Jörn Krieger und ich ein Pro & Contra verfasst, ob Radio mit seinen Hörerinnen und Hörern altern soll. Im Podcast SatzZeichen haben wir darüber gesprochen, wie Radio wieder näher an die Menschen vor Ort herankommen kann. Die Diskussion im Radioforum geht seitdem munter weiter. Wir begleiten das Thema immer aus einer wohlwollend kritischen Perspektive, weil wir mit dem Medium groß geworden sind und Audio lieben. Jetzt ist es an der Zeit, die verschiedenen Thesen wieder etwas zu ordnen.

Meine Hauptaussage: Schiebt Hörerinnen und Hörer nicht bewusst von einer Welle zur nächsten, weil sie nicht mehr in die jeweilige Altersgruppe fürs Formatradioprogramm passen! Denn man darf die Bindung an eine Marke nicht unterschätzen bzw. gibt damit leichtfertig das auf, wofür andere Branchen wie Automobil, Nahrung und Getränke, Kosmetik etc. Millionenbeträge ausgeben. Oder wovon Fußballvereine ein Fan-Leben lang zehren.

Ein altes Radio, generiert von ChatGPT
Ein Radiosender als Marke sollte nicht unterschätzt werden. (Foto generiert mit ChatGPT)

In meinen Augen ist es absurd, einen Stammhörer zu sagen: „Du bist zu alt für unseren Sender. Zieh eine Welle weiter!“ So geschieht dies allerdings im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, aber auch bei Privatradios, wenn in einem Sendegebiet ein Anbieter mehrere Frequenzen hat. Die Idee dahinter verstehe ich ja: Jeder Sender behält seine Zielgruppe (aufs Alter bezogen) und die jüngeren Hörer werden zum Beispiel von Bayern3 zu Bayern1 und später zu BR Heimat weitergereicht.

Was man damit allerdings in Kauf nimmt: Jemand, der mit seinem Sender und damit mit einer Marke eine emotionale Bindung aufgebaut hat (egal ob in der Kindheit oder später), muss neu ongeboarded werden. Da Radio unbestritten ein sehr emotionales Medium ist, muss man hier mit der Markenbindung wieder von vorne anfangen – zumindest weitgehend, wenn auch einige Moderatorinnen und Moderatoren mitziehen.

Warum also altert ein Radiosender nicht mit seinen Hörerinnen und Hörern?

Ein Gegenargument: Dann müsste man von unten ja wieder einen komplett neuen Sender nachschieben für die dann jüngere Generation? Der Bayerische Rundfunk hatte dies sogar mit dem Jugendsender Puls gemacht, der als lineares Radioprogramm erst kürzlich wieder eingestellt worden ist. Er hat also tatsächlich einen neuen Sender für die jüngere Zielgruppe gegründet. Was sich dort gezeigt hat: Puls funktioniert viel besser auf Plattformen wie YouTube, TikTok, Instagram und auf Podcast-Plattformen, weil die Hörgewohnheiten eines jüngeren Publikums anders sind als in der älteren Bevölkerung. Daher könnte hier Bayern 3 gut mit seinen bisherigen Hörern altern.

Ein Radiosender ist auch eine Community

Mir geht es dabei vor allem um eines: Unterschätzt den Wert einer Marke nicht! Dies ist in einer Zeit, in der jeder eine schier unendliche Auswahl an verschiedenen Medien aus der ganzen Welt zur Verfügung hat, ein riesiger Wert, den ein Sender hat. Nicht nur Musik und Moderatoren bieten einem Hörer Orientierung, sondern auch der Sendername und damit die Zugehörigkeit zu einer Community.

Im nächsten Diskussionsbeitrag zum Radio der Zukunft schreibt Jörn Krieger darüber, dass Radio von Persönlichkeiten lebt.