Was ist eigentlich „digitaler Journalismus“?

Heute beginnt an Bayerns Hochschulen das Sommersemester. Gemeinsam mit der früheren DJV-Bildungsreferentin Eva Werner und dem ehemaligen Wired.de-Redaktionsleiter Wolfgang Kerler biete ich für unsere Zweitsemester an der TH Nürnberg das Seminar „Digitaler Journalismus“ an. Von vier auf sechs Semesterwochenstunden haben wir dieses Seminar erweitert – ergänzend gibt es dazu noch ein journalistisches Projekt, um unseren Studierenden Digital-Kompetenz beizubringen.

Außenaufnahme des Gebäudes der Technischen Hochschule Nürnberg
An der TH Nürnberg wird der in Süddeutschland einmalige Studiengang Technikjournalismus/Technik-PR angeboten. Foto: Kaiser

Aber was sollte eigentlich in einem Fach „Digitaler Journalismus“ gelehrt werden?

Sicherlich sehen die Seminarinhalte heute ganz anders aus als im Sommersemester 2010, als ich das Seminar erstmals an der TH Nürnberg angeboten habe (wir haben den damaligen Seminartitel „Onlinejournalismus“ 2017 bewusst in „Digitaler Journalismus“ umbenannt). Schon damals war Onlinejournalismus mehr, als Texte vom Print-Redaktionssystem ins Online-CMS zu kopieren. Auch damals schon haben wir im Seminar über Videos genauso gesprochen (und welche gedreht) wie über crossmediale Arbeitsweisen und Mobile Reporting.

VR, Chatbots und Multimedia-Storys

Heute sehen unsere Seminarinhalte völlig anders aus: Natürlich sprechen wir über Basics wie Texten fürs Web (vor allem Überschriften, Teaser und das geschickte Einsetzen von Links). Wir bleiben hier aber bei weitem nicht stehen. In meinen Augen gehört Suchmaschinenoptimierung genauso zu einem Seminar „Digitaler Journalismus“ wie ein Einblick in Datenjournalismus, Virtual sowie Augmented Reality, Chatbots, Newsgames und Multimediales Storytelling. Eine Einheit befasst sich mit Mobile Reporting und Live-Streaming. Social Media und Medienrecht im digitalen Bereich sind sowieso eine Selbstverständlichkeit.

Weil wir in sechs Semesterwochenstunden (plus der Blockveranstaltung für das journalistische Projekt) natürlich nicht alles bis ins letzte Detail abdecken können, haben unsere Technikjournalismus/Technik-PR-Studierenden die Möglichkeit, ab dem fünften Semester digitales Wissen auch in Wahlfächern wie „Multimediales Storytelling“, „Virtual Reality und 360 Grad im Journalismus und in der Unternehmenskommunikation“ etc. zu vertiefen. In einer Ringvorlesung decken wir weitere Entwicklungen ab (wir hatten zum Beispiel Vorträge über Social Robotics, Künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge und Blockchain).

Kritik von digitalen Vordenkern und analogen Nostalgikern

Deshalb kann ich leider nicht verstehen, warum wir Professoren manchmal angegangen werden, dass unsere Lehrinhalte zu wenige digitale Themen beinhalten (vor allem von denjenigen, die unser Curriculum gar nicht kennen). Immer wieder muss man sich hier verteidigen. Dabei sollten (und das sind nicht nur wir an der TH Nürnberg) Hochschulen doch immer vorne dran sein, Vorreiter der Digitalisierung, Trends frühzeitig aufspüren – und durchaus kritisch begleiten („begleiten“ heißt bewusst nicht „negieren“). An der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg biete ich als Lehrbeauftragter gemeinsam mit Prof. Thomas Zeilinger im Sommersemester ein Seminar zu „Automatisierte Systeme und Künstliche Intelligenz im Journalismus“ an – mit großem Fokus auch auf einer ethischen Bewertung.

In letzter Zeit bekommen wir auch Kritik von genau der anderen Seite: Vertreter klassischer Medien (insbesondere von B2B-Fachmagazinen) und traditionellen Pressestellen rügen uns, warum wir Studierenden so einen „digitalen Quatsch“ beibringen, der in der Praxis doch überhaupt nicht umgesetzt werden könne. Dem erwidere ich: Was Studierende heute lernen, können sie ohnehin erst in zwei, drei, manchmal sogar vier oder fünf Jahren in der Berufspraxis einsetzen (und die digitale Welt dreht sich rasant weiter).

Keine Chance mit Dinosaurier-Wissen

Außerdem werden unsere Studierenden gerne als Digitalexperten eingestellt, die Redaktionen oder Kommunikationsabteilungen mit ihrem aktuellen Wissen updaten können (noch immer sind manche Redaktionen relativ resistent gegen Fortbildungen). Und dann entstehen ja zig neue Unternehmen als potenzielle Arbeitgeber bzw. Betätigungsfelder (bis hin zur Gründung eines eigenen Startups), wo man mit Dinosaurier-Wissen heute überhaupt keine Chance mehr haben würde.

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