tl;dr – oder doch nicht?

Am liebsten würde ich ihm jedes Mal tl;dr zurückschreiben, einem Geschäftspartner, der in jeder seiner Mails ewig ausholt, nie zum Punkt kommt und man nach dem Lesen erst noch einmal mühsam nachschauen muss, was überhaupt sein konkretes Anliegen war. tl;dr – das Motto der re:publica 2019 in Berlin – würde ich ihm gerne zurückschreiben. too long, didn’t read. Bitte in der digitalen Kommunikation auf den Punkt kommen! Videos im Netz sind keine 1:30 mehr wie Fernsehbeiträge, Feature haben keine 180 Zeilen mehr wie im Print und die Whats App ist der neue Brief. tl;dr – eigentlich logisch und unproblematisch. Oder doch nicht?

tl;dr ist das Motto der re:publica 2019.

Es gibt durchaus einen Gegentrend. „Slow Journalism“ wird dieser manchmal genannt, angelehnt an „Slow Food“: User wollen Hintergrundinformationen, sind bereit, auch längere Stücke zu lesen, Dokumentationen anzuschauen und nutzen Multimedia-Storys. Die Print-Branche setzt bewusst auf lange Stücke: die Süddeutsche Zeitung hat vor geraumer Zeit ihre Wochenendausgabe umgekrempelt, die Wochenzeitung Zeit floriert weiterhin. Gut recherchierter, gut reflektierter, gut argumentierender Journalismus hat sich auch im tl;dr-Zeitalter etabliert.

Das Motto der re:publica sollte also kein Grund sein, auf Häppchen-Journalismus umzusteigen. Doch auch im Printjournalismus galt schon immer: Jeder Text muss hinterfragt werden, ob er Redundanzen aufweist. Auch im Vor-Digital-Zeitalter galt es, mit der Zeit der Leser sorgfältig umzugehen. Also auch hier galt: Texte sollten nur so lange sein wie nötig. Aber wenn längere Texte nötig sind, um Hintergründe zu skizzieren und Zusammenhänge aufzuzeigen, dann sollte man sich den Platz dafür nehmen. Das ist heute sogar eine der zentralen Aufgaben des Journalismus, der kein Gatekeeper mehr ist (jeder kann heute im Social Web publizieren und sich eine eigenen kleinen Verlag aufbauen), sondern zum Erklärer wird. tl;dr darf also nicht zu Lasten des Qualitätsjournalismus gehen – vor allem in einer Zeit, in der aus dem Zusammenhang gerissene Zitate oder Fakten auf Facebook & Co. stark zur Meinungsbildung beitragen. Mal sehen, ob diese Perspektive vom 6. bis 8. Mai in Berlin auch zur Sprache kommt.

Auf der re:publica werde ich mich aber auf jeden Fall an tl;dr halten und nur ganz kurze Beiträge via Facebook, Twitter und Instagram mit dem absolut Wesentlichen posten.