Medienkunde als neues Schulfach

„Alltagskompetenz und Lebensökonomie“ soll nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung das neue Schulfach heißen, das sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder wünscht. Ich wünsche mir, dass die Debatte dazu genutzt wird, auch über ein weiteres neues Schulfach nachzudenken: Medienkunde.

Damit meine ich explizit nicht Tablets, Laptops und WLAN für die Schulen, wie es der „Digitalpakt Schule“ vorsieht. Es geht vielmehr um das, was man im Englischen als „Media Literacy“ bezeichnet, die Kompetenz im Umgang mit Medien. Es ist ein Schulfach, das man über alle Jahrgangsstufen und alle Schularten durchziehen kann. Unterrichtsstoff gibt es genügend: von Urheber- sowie Persönlichkeitsrecht und Medien- sowie Digitalethik über Datenschutz sowie Datensicherheit und die Funktionsweise von Algorithmen (wie bei Facebook oder Amazon) bis hin zum Erkennen von Fake News und parteiischen Informationen (Stichwort: Generation Influencer). Ergänzt werden darf das Fach mit Programmieren und Kompetenzen wie Videoschnitt oder Bildbearbeitung, aber das ist nicht das Zentrale an diesem neuen Schulfach Medienkunde.

Lesen, Schreiben, Rechnen – im digitalen Zeitalter kommt mit dem sicheren Umgang von Medienanwendungen eine vierte Kompetenz hinzu, die in der Schule einen breiten Raum einnehmen muss.

Stifte
Schreiben, Lesen und Rechnen bleiben natürlich wichtig. Hinzu kommt mit dem richtigen Umgang mit Medien aber eine weitere wichtige Kompetenz. Foto: Pixabay

Warum aber verteilt man Medienkunde nicht auf bisherige Schulfächer? Weil es dann untergeht. Ich hatte ursprünglich auch Sympathien für diesen Vorschlag. Vor ein paar Jahren war ich mit einer Delegation zu Besuch beim Filmgymnasium in Babelsberg: Fantastisch, wie dort sich das Thema Film durch alle Fächer zieht. Im Sportunterricht filmt das Team das Fußballspiel, das gerade pausiert. Im Biologieunterricht wird erst erklärt, wie das menschliche Auge aufgebaut ist und dann die Funktion einer Kamera gegenübergestellt. Weil aber noch zu wenigen Lehrern die immense Bedeutung von (digitalen) Medien bewusst ist respektive sie es sich nicht zu unterrichten trauen, würde Medienkunde ohne eigenes Fach weiterhin ein Schattendasein fristen.

Hinzu kommt, dass Universitäten in der Lehrerbildung verstärkt Medienkompetenz vermitteln müssen. Hier gibt es erste vielversprechende Ansätze, wie das Kompetenznetzwerk für Medienbildung und Digitalisierung an der Ludwig-Maximilians-Universität München, den Weiterbildungs-Master Multimedia-Didaktik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg oder den Lehrstuhl für Schulpädagogik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, wo in einem Modellklassenzimmer mit Augmented-Reality-Anwendungen gearbeitet wird. Dies erreicht aber bei weitem nicht den Großteil der Lehrer.

Medienkunde und politische Bildung gehören zusammen

Medienkunde ist auch wichtig für die Demokratie. Es korrespondiert mit politischer Bildung, die ebenfalls durch das Schulfach Sozialkunde ausgebaut werden sollte. Wer ein gewisses Verständnis vom politischen System hat, wird sich eher für aktuelle Politik interessieren und wird dadurch weniger auf Fake News hereinfallen. Anders herum kann in einem Fach Medienkunde auch erklärt werden, wie man sich über politische Debatten auf dem Laufenden hält.

Es ist Zeit, über ein Fach Medienkunde nachzudenken. Die Debatte dürfen wir ja wenigstens führen, auch wenn die Lobby der MINT-Fächer sicher übermächtig erscheint.

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